Samstag, 16. August 2014

Autoreninterview Jannis Plastargias

Jannis ist Blogger, Autor, Herausgeber, Pädagoge, Historiker, Kulturveranstalter, Redakteur und, und, und - ein Tausendsassa. Sein erster Roman "Plattenbaugefühle" erschien 2011 in Größenwahnverlag, die Fortsetzung "Großstadtgefühle" erschien gerade bei Michason & May.
Daneben veröffentlichte er Erzählungen und Kurzgeschichten, unter anderen bei der Queer-Reihe im Größenwahnverlag ("Liebe und andere Schmerzen"), wo er als Herausgeber fungiert. Im September folgt mit Liebe/r Kim ein Briefroman.

Wir lernten uns über meine Anfrage zu einer Buchrezension kennen, Beiträge auf seinem Blog Schmerzwach, Anthologietexte und zwei Treffen folgten. Nun freue ich mich, dass Jannis mal auf meinem Blog interessante Antworten gibt.


Wie lange hast Du an Deinen Romanen/Büchern geschrieben und wie lange hat es dann bis zur Veröffentlichung gedauert?

Vielleicht beginne ich mit dem krassesten Beispiel: „Liebe/r Kim“ brauchte genau 20 Jahre vom ersten Wort bis zur Veröffentlichung. Das werde ich später noch näher erläutern.
Bei meinem ersten Roman „Plattenbaugefühle“ war es nicht ganz so lange, da lagen etwas mehr als zwei Jahre dazwischen. Am Rohentwurf hatte ich ein Dreivierteljahr geschrieben, wobei der Prozess des Schreibens sehr exzessiv war. Ich verfasste das erste Drittel innerhalb von 5-6 Wochen, das zweite Drittel innerhalb von zwei Wochen, davon zehn Tage in der Türkei (das erklärt Afyons Nationalität), das letzte Drittel brauchte erneut 5-6 Wochen. Dazwischen pausierte ich. Das Werk war also beendet: Ich schickte das Manuskript an drei oder vier Jugendbuchverlage, erfolglos – dann lernte ich bei der Buchmesse 2010 meinen Verleger Sewastos Sampsounis kennen, von da an benötigte ich noch ein Jahr und sehr viele Überarbeitungen. Daran habe ich das Schreiben gelernt.


Was bedeutet Dir am meisten beim Schreiben?

Als Kind spielte ich sehr viel Lego, ich liebte es, wenn kleine Städte entstanden. Später am PC war ich von Sim City fasziniert, da konnte man auch Städte aufbauen. Dieses Erschaffen einer großen Sache, das reizt mich sehr. Beim Schreiben kreiere ich ein neues Universum, mein eigenes kleines Universum – das macht mich glücklich! Tatsächlich ist für mich das Schreiben in erster Linie Spaß und Freude, natürlich gibt es Ausnahmen (Liebe/r Kim!).


Du hast einen besonderen Stil, er hat etwas assoziatives, schneidet Bilder und Stimmungen an … Wie beschreibst Du Deinen Stil?

Den eigenen Stil zu beschreiben ist immer etwas schwierig, das sollten besser die Leser/innen oder noch besser Literaturwissenschaftler/innen tun. Vielleicht kann ich ein paar Prinzipien nennen, die mir wichtig sind. Authentizität gehört sicherlich dazu, meine Figuren und Settings sollen echt und realistisch sein. In Plattenbaugefühle habe ich reale Vorbilder aus meinem Berufsleben genommen (natürlich anonymisiert) und versucht ihre Sprache zu benutzen. Unterhaltsam möchte ich sein, nichts finde ich schlimmer als gelangweilt zu werden – oder andere Leute zu langweilen. Jedoch möchte ich auch aufklären, selbstverständlich ohne erhobenen Zeigefinger. Mir ist es auch wichtig Phänomene aus dem modernen Leben abzubilden, Digitalisierung, moderne Lebensentwürfe, urbanes Leben.


Mit „Liebe/r Kim“ erscheint im September ein Briefroman, der sich mit einer Krebserkrankung im Jugendalter auseinandersetzt. Wie ist es, über so persönliches zu schreiben, und wo würdest Du dabei eine Grenze ziehen?

Das war so: 1992 erkrankte ich an Krebs, ein halbes Jahr verbrachte ich, mit Unterbrechungen, in der Freiburger Kinderklinik auf der Krebsstation „von Pfaundler“. So eine schwere Erkrankung und vor allem die Erfahrungen, die man in so einer Klinik macht, lassen sich nicht so einfach verarbeiten. Regelmäßige Nachuntersuchungen, eigenes Abtasten der Lymphknoten, nachts wachliegen, Angst haben, dass man erneut erkrankt ... Und dann 1994 plötzlich ein ganz schlimmer Alptraum und der Entschluss, etwas zu tun, um die Geschichte abzuschließen. Ja, ein Buch wollte ich darüber schreiben. Ich begann also 1994 damit, musste aber immer wieder aufhören, weil es noch zu nah an mir dran war. Alle Jahre wieder probierte ich weiter daran zu schreiben – und brach immer wieder ab. Im Sommer 2011 nahm ich mir dann vor, das Buch zu beenden, um es zum zwanzigsten Jubiläum zu veröffentlichen. Ich baute eine Rahmenhandlung ein, um noch mehr Distanz zu meiner Geschichte aufzubauen, es weniger „nah“ zu machen. Das funktionierte für mich ganz gut. Man darf es nicht ganz 1:1 lesen, sicherlich habe ich das eine oder andere verfälscht, damit es besser in die Geschichte passt. Aber grundsätzlich ist es, abgesehen von der Rahmenhandlung, sehr biografisch.
Es ist grundsätzlich schwieriger, über so etwas Persönliches zu schreiben, denn man braucht einen professionellen Abstand zu seinem Thema, übernimmt die Aufgabe des Autoren, nicht des alltäglichen Erzählers. Solche persönlichen Erlebnisse haben, wenn man eine „fiktive“ Geschichte draus macht, eine andere Wahrheit als die, wenn es eine Geschichte wäre, die ich Freund/innen erzähle. Ich muss der Geschichte dienen, nicht meiner erlebten Wahrheit. Und da sind dann auch Grenzen. Ich versuche niemanden zu verunglimpfen, wenn es so persönliche Geschichten sind, niemanden zu verletzen. Das ist natürlich nicht immer ganz einfach und nicht immer möglich.


Gibt es Autoren oder Bücher, die Du sehr bewunderst?

Ich erstaune Menschen immer, wenn ich erzähle, dass Philip K. Dick mein Lieblingsschriftsteller sei. Das erwarten sie eher von Autor/innen, die Science Fiction schreiben. Wobei ich mit „Berlin Utopia“ ja etwas in diese Richtung gegangen bin, ich bin da durchaus flexibel – und man kann da noch mehr von mir erwarten. Ich mag an ihm diese ungewöhnlichen Szenarien und Ideen, die er entwickelte, die selbst in der heutigen Zeit, in der viele technische Entwicklungen diese Vorstellungen möglich machen, noch immer aktuell sind. Ich mag vor allem, dass er die Themen Glauben und Religion, aber auch den Amerikanischen Traum oder Drogenmissbrauch so spannend in seine Geschichten einbettet.
Natürlich könnte ich Dutzende Autor/innen und Bücher nennen, die ich bewundere, die mich sehr inspirierten, die mich glücklich machten – oder auch tief beeindruckten und verstörten. Imre Kertesz’ „Roman eines Schicksallosen“, „Was ich liebte“ von Siri Hustvedt oder „Das große Heft“ von Agota Kristof gehören dazu. Und dann etwas ganz anderes: „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls hat mir so viel Freude bereitet – und war auch etwas Vorbild für Großstadtgefühle. Das hat aber bisher noch niemand erkannt.


Beeinflussen Dich Filme oder Musik beim Schreiben?

Tatsächlich beeinflussen mich Filme und Musik sehr, das hast Du richtig erkannt, Jana. Einerseits hat das ja damit zu tun, dass ich moderne Phänomene in mein Schreiben einbeziehen möchte – das kann man durch Musik und Musikstile ganz einfach. Menschen, die sich damit auskennen, wissen dann: ach, alles klar, das ist die und die Szene und dies meint das und das meint dies. Ich höre ganz viel Musik beim Schreiben, da ist es nicht ganz verwunderlich, dass diese dann den Weg in die Texte findet. Filme schaue ich sehr gerne, Serien noch sehr viel lieber. Das Ding ist, dass ich an das „Samplen“ glaube, dass Kunst immer noch spannender wird, wenn man etwas damit macht, sie weiter verwertet, deswegen arbeite ich gerne mit Versatzstücken aus Filmen, Serien, Musik in meinen Texten.


Was hat Berlin an sich, dass es immer wieder inspiriert?

Nun, bei „Plattenbaugefühle“ war es eben der Kontrast zur Darmstadt-Kranichsteiner Provinz, Frankfurt war nicht weit genug weg, Hamburg kenne ich zu wenig. Ursprünglich war die Idee der Fortsetzungen von „Plattenbaugefühle“ eine andere, der zweite Teil sollte in Frankfurt spielen und den Sozialarbeiter „Aris“ als Hauptperson haben. Ich entschied mich dann aber, Jonas weiter in seinem Leben zu begleiten – und der musste nach Berlin zurück, das ging nicht anders. Bei „Berlin Utopia“ war es mehr eine Eingebung. Ich stand an einem Silvester vor Jahren auf dieser Admiralsbrücke und plötzlich wurde ich von etwas viel zu hell angestrahlt. Als ich dann von meiner Kollegin Hilke-Gesa Bußmann angefragt wurde, ob ich nicht eine Spin-Off für ihre „Weltentaucher“ schreiben möchte, fiel mir dieses Erlebnis wieder ein.
Berlin ist eine faszinierende Stadt, in die man viele Träume, Fantasien, Vorstellungen projizieren kann. Das macht sie aus, dafür ist sie da. Und nicht nur für mich, sondern für viele in Deutschland, die nach ihrer Schulausbildung oder nach dem Studium dorthin ziehen und ihr Glück suchen. Berlin trägt allerdings auch viel Potenzial des Scheiterns in sich, das macht diese Stadt so spannend. Sie ist auf der anderen Seite der einzige Meltingpot der Kulturen in Deutschland, natürlich neben Frankfurt, die unterschätzte amerikanischste Stadt Deutschlands.


Du bist auch Herausgeber von zwei Anthologien. Was reizt Dich daran, Texte dafür auszuwählen und was nervt auch an diesen Projekten?

Im nächsten Jahr kommen zwei weitere Anthologien von mir heraus, die dritte queere Anthologie und – wer hätte es gedacht – eine Frankfurt-Anthologie. Meine Ungeduld nervt immer, das vielleicht vorweg – ich möchte alle Texte möglichst schnell sammeln. Was mich reizt? Ach, ich glaube, es sind viele Dinge. Zunächst einmal gibt es ein Konzept, das ich mir ausdenke. Ich erwarte daraufhin bestimmte Texte, kriege aber ganz andere. Das heißt, ich werde immer total überrascht und das ist wie Weihnachten. Nein, besser als Weihnachten. Bevor ich anfange, kann ich also keine Idee haben, wohin der Weg führt, wie die
Anthologie am Ende aussehen wird. Das ist ganz toll! Dann macht es natürlich sehr viel Spaß mit ganz unterschiedlichen Autor/innen zu arbeiten, die so ganz andere Auffassungen vom Schreiben haben als ich, wie ich immer merke, und die ganz anders an Themen herangehen.


Ist das Schreiben für Dich Hobby, Beruf oder Berufung?

Dies sollte die einfachste Frage sein, oder? Nein, ein Hobby ist es keineswegs für mich, das wäre eine Geringschätzung. Für einen Beruf macht es zu viel Spaß und Berufung hört sich zu hochtrabend an. Hihi. Wie komme ich da jetzt wieder raus? Also, ich sehe mich und das, was ich mache, als Gesamtkunstwerk an. Das Schreiben ist ein Teil davon, genauso wie das Bloggen, der Kulturaktivismus, meine Jurytätigkeiten, meine Lesebühnen und alles andere, was ich so tue.


Wird es einen dritten Teil der Platten- und Großstadtgefühle geben? Verrätst Du etwas darüber?

Natürlich wird es einen dritten Teil davon geben! Ich schreibe gerade daran. Mir macht Jonas so viel Spaß, dass ich gerne noch Teil 3-7 schreiben möchte, mindestens. Und noch ein paar Spin-Offs. „Großstadtgefühle“ spielte ja in Berlin und München. Ich kann verraten, dass Teil 3 hauptsächlich in Berlin spielt, Jonas wird zwar das erste Mal wieder nach Darmstadt-Kranichstein zurückkehren, wo seine Eltern noch immer wohnen, ansonsten lernt er in Berlin ein neues Milieu kennen, das allerdings eher unfreiwillig. Sein bester Freund Fabian verschwindet nämlich plötzlich – und dann begibt er sich mit seinem Freund Paul zusammen auf die Suche nach ihm. Es gibt viele Verwicklungen, viele spannende Momente. Während „Plattenbaugefühle“ ein „Milieu“- und „Großstadtgefühle“ ein „Liebes“-Roman war, wird „Jonas 3“ mehr ein Krimi- oder Detektivroman. Das ist meine kleine Spielerei bei jedem einzelnen Teil, immer einen anderen Ansatz zu finden, denn der Ton und die Figuren bleiben ja größtenteils.


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