Freitag, 26. Februar 2021

Interviews mit Autor*innen der Märchenanthologie - Teil 3

Zum Abschluss noch der 3 Teil der Märcheninterviews zu Ayumi und die Prinzessin der Meere. Zur Erinnerung noch einmal die beiden Fragen:

1) Was bedeuten Dir Märchen/was verbindest Du mit ihnen und welches ist Dein Lieblingsmärchen?

2) Was hat Dich zu Deinem Märchen inspiriert und welche Idee/Aussage verfolgst Du damit?


Bettina Barkhoven * Das Märchen von den Lichtermädchen und den Stechpalmenrittern

1) Ich mag nicht alle Märchen. Sobald ich das Gefühl habe, dass sie zu pädagogisch sind, mache ich dicht. Das war bei mir schon als Kind so. Aus der Grimm’schen Sammlung mag ich auch viel lieber die unbekannteren Märchen, die ein bisschen verrückt sind, wie „Lumpengesindel“, und ich liebe die Andersen-Märchen, weil sie voller Emotionen und Liebe stecken. Mein Lieblingsmärchen ist „Die kleine Meerjungfrau“ (das Original von Andersen, nicht Arielle!), denn die Motive der tiefen Sehnsucht, der tragischen Selbstaufgabe, der unerfüllbaren Hoffnung und gleichzeitig der Berge versetzenden Liebe, die begleitet mich auch in meinem Schreiben. Dieses Märchen spielt eine zentrale Rolle in meinem Roman, denn die kleine Meerjungrau bietet eine Identifikationsfigur. Ich habe das Märchen dafür wirklich „durchgeackert“. Obwohl ich es schon gut kenne, hoffe ich jedes Mal beim Lesen ein ganz kleines Bisschen, dass es diesmal aber ein Happy End hat.

2) Mein Märchen basiert auf drei Inspirationen. Zum einen orientiert es sich sprachlich und in der Mischung aus Märchen und witzigen „Action-Szenen“ ein wenig an einer Märchen-Sammlung, die ich als Kind sehr geliebt habe: „Das alte Haus“ von Wilhelm Matthießen. Da gibt es eine Großmutter, die eine Märchenbrille besitzt, mit der sie alle Märchen sehen kann, die im Wald passieren. Als Kind fand ich das einleuchtend: Märchen passieren immer, man muss sie nur sehen können. Leider ist besagter Wilhelm Matthießen ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, was meine Begeisterung für ihn hat versiegen lassen – der Duktus seiner Märchen hat sich dennoch tief in mein Bewusstsein eingebrannt.

Zum anderen hat mein Vater mit mir oft Gute-Nacht-Spaziergänge gemacht. Schon als kleines Kind, im Schlafanzug auf den Armen meines Vaters, habe ich ständig in das Zweigwerk der Bäume geschaut und die Blätter bestaunt.
Und dann noch meine Begeisterung für kleine, schwache, aber schöne Lichter. Ich liebe Glühwürmchen, funkelnde Sterne und flackernde Teelichte.

Welche Aussage verfolgst Du damit?

Alle handelnden Personen und deren Namen sind angelehnt an teils botanische, teils volkstümliche Pflanzennamen. Die Gesellschaft, in der es stattfindet (der Finsterwald und Umgebung) lebt naturnah und überwiegend achtsam und pazifistisch. Die einzigen wehrhaften Tiere im Märchen sind die Dachse, die sich allerdings – wie in der Realität – nur verteidigen und nicht angreifen. Doch sind auch die übergriffigen, machohaften „Rüpel“ lernfähig. Mir war wichtig zu zeigen, dass es kein klares „Gut und Böse“ geben muss, dass Personen sich auch ändern können, voneinander lernen können, und dass eine Gesellschaft gewinnt, wenn sie nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeitet.
Auch der Gedanke der Nachhaltigkeit schwingt mit. Wir müssen auch die unscheinbaren Wesen und die Diversität unserer Umwelt schützen und erhalten – um ihrer selbst willen, und nicht, weil es uns Vorteile bringt. Nur dann tun sich völlig neue Perspektiven und Möglichkeiten auf – so wie in meinem Märchen.


Bettina Barkhoven hat ihren 1992 begonnenen Roman 2019 nach langer Pause wieder hervorgeholt und vollendet. Unter dem Titel »Der Fuckepott« wird er voraussichtlich im Herbst 2021 beim MAIN-Verlag erscheinen. 2020 erschien eine Kurzgeschichte in einer Anthologie »Tierisch verliebt« der Homo Schmuddel Nudeln. Eine Seite bei Facebook findet sich unter ihrem Namen.



Annina Anderhalden * Der Geschmack nach Zuhause

1) Märchen bedeuten mir, dass ich in eine andere Welt abtauchen kann und einfach mal etwas anderes erleben darf. Zudem verbinden Märchen die Realität auf eine Weise, wie es andere Geschichten nicht machen. So fragt man sich immer ein bisschen, was davon wahr und was nicht ist – und ob es vielleicht wahr sein könnte. Ein Lieblingsmärchen per se habe ich nicht, am liebsten jedoch habe ich „Die kleine Meerjungfrau“ gehabt, jedoch habe ich auch sehr gerne „Spirit“ geschaut (Laut meinem Vater sei dies auch ein Märchen.)

2) Ich habe immer schon Werwolfgeschichten gemocht, vor allem solche, wo der Werwolf zwar sich mit sich selbst zurechtgefunden hatte, jedoch sich von allen abschottete, um niemanden zu verletzen. Ebenfalls finde ich Jägerinnen sehr interessant und wollte deshalb das damit verbinden. Mit meiner Geschichte wollte ich zeigen, dass niemand komplett schwarz und weiß ist und dass Liebe alle Hindernisse überwinden kann.


Annina Anderhalden wurde 1997 in der Schweiz geboren, studierte Medien und Kommunikation und begann eine Ausbildung in Multimedia Production. In ihren Geschichten erkundigt Annina gerne geschichtliche Aspekte, wie auch die persönliche Entwicklung ihrer Charaktere, taucht dabei aber sehr gerne auch in erfundene Welten ein.



Serena C. Evans * Dornenherz

1) In der Kindheit haben Märchen einem immer das Versprechen auf ein gutes Ende gegeben. Am Schluss finden sich Prinz und Prinzessin und alles wird gut. Ich mag es, wenn Märchen immer wieder neu interpretiert werden und dadurch klassische Motive einer neuen Zeit angepasst werden. Eine lesbische Disney-Prinzessin wäre toll, aber solange es das nicht gibt, müssen wir unsere eigenen Märchen (er)finden.
Als Kind war mein liebstes Märchen bzw. Disneyfilm ganz klar Mulan. Damals schon hat mich fasziniert, dass sie eben am Schluss nicht von einem Prinzen gerettet werden muss.
Vielleicht wird es irgendwann ganz normal sein, dass Kinder neue Märchen hören. In denen Cinderella die Prinzessin heiratet, Schneewittchen lieber alleine durch die Welt zieht oder Prinz Charming seinen Traummann findet. 

2) Als Kind fand ich Schneewittchen und Dornröschen nicht romantisch, sondern gruselig. Beide sollen einen Prinzen bewundern, heiraten und ihm dankbar sein, obwohl sie ihn gar nicht kennen. Der Prinz in Schneewittchen verliebt sich eigentlich in eine Leiche, schon irgendwie gruselig. Ich wollte aus der bekannten ängstlichen und lieblichen Prinzessin etwas Neues machen. Eine junge Frau, die es verdammt schwer hat, aber die ein Ziel vor Augen hat, eines, dass fernab vom Heiraten und Kinder kriegen liegt. Quasi ein emanzipiertes Schneewittchen.
Es gibt einfach zu viele Geschichten, die kleinen Mädchen suggerieren, ihre Lebensaufgabe sei es, sich hübsch zu machen und auf Rettung zu warten. Wie langweilig. Ich bin eher dafür, dass sie ihre eigenen Heldinnen werden. 


Serena C. Evans arbeitet als Bibliothekarin und ist erfolgreiche Autorin für lesbische und schwule Liebes- und Fantasygeschichten. Sie liebt bunte und ungewöhnliche Charaktere und Ideen. Serena C. Evans hat u.a. Seth & William, Regenbogentränen, Vielleicht sind wir lila und Die Wölfin und ich veröffentlicht.

Kontakt: SerenaEvans@web.de

www.facebook.com/AutorinSerenaCEvans

www.instagram.com/serena_c_evans/



Sarah Natusch * Aquamarin

1. Mit Märchen verbinde ich meine Grundschulzeit, in der wir einige behandelt und auch als Theaterspiel aufgeführt haben. Aber sonst bin ich größtenteils mit Disney-Filmen aufgewachsen, von denen mein liebster „Arielle, die Meerjungfrau“ ist. 

2. Wenn ich als Kind im See oder Meer schwimmen war, habe ich immer so getan, als wäre ich selbst eine Meerjungfrau. Ich weiß nicht, ob das der Grund dafür ist, dass mein Märchen von Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ inspiriert wurde. Aber als für mich fest stand, dass ich eine Geschichte über Meerjungfrauen schreiben möchte, bin ich bei Andersen gelandet und habe mich gefragt: Wie erging es eigentlich den Geschwistern der kleinen Meerjungfrau? Wie sind sie damit umgegangen, ihre Schwester verloren zu haben, was hat das aus ihnen gemacht? Und so entstand „Aquamarin“. Ich weiß, dass Liebe kein Allheilmittel ist, aber mir war es wichtig zu zeigen, dass sie viel bewirken und am Ende stärker als Hass sein kann.


Sarah Natusch ist gelernte Buchhändlerin. Sie hat das Glück in einer Buchhandlung im Norden Deutschlands arbeiten zu können, wo sie von zwei Dingen umgeben ist, die sie liebt: Bücher und das Meer. Bis jetzt hat sie eine Kurzgeschichte im Bundeslurch Verlag (Traumwächter in: Einen Rosengarten versprach ich nie, Bonn 2018) veröffentlicht und mehrere kleine Texte in Anthologien.
Nebenbei führt sie einen Blog, den man auch auf Facebook und Instagram finden kann: https://samenature.de/



J. Walther * Die königlichen Geschwister

1) Da sind einmal alte Märchenbücher, z.B. eine schöne Ausgabe der dt. Hausmärchen. In diesem mochte ich besonders die weniger bekannten Märchen, wie „Siebenschön“. Ich muss auch sagen, ich liebe altmodisch-romantische Illustrationen und Stiche, wie z.B. von Ludwig Richter.

Dann ganz besonders die alten Märchenfilme, insbesondere die tschechischen, die einen ganz eigenen Zauber und Charme haben. Zum Bsp. wurde die kleine Meerjungfrau sehr effektvoll zwischen böhmischen Felsen zum Leben erweckt. Viele dieser Verfilmungen haben auch so einen gewissen „Hippie-Touch“, den ich sehr mag. Und natürlich wird Aschenbrödels Ritt durch den Winterwald unvergessen bleiben – eine wunderbar selbstbewusste und beritten Frauenfigur, mal ganz abgesehen davon, dass Libuse sehr süß ist.

Mit Märchen verbinde ich Zauber, etwas Geheimnisvolles, andere Welten und viel Raum für Interpretationen. Mich interessieren auch Neuinterpretation, die z.B. nach psychologischen oder gesellschaftlichen Hintergründen fragen. Ebenso spannend finde ich den Vergleich von Märchenmotiven in aller Welt.

Mein Lieblings-Märchen ist ein ganzes Buch – Königin im Leinenkleid – (DDR 1977), ausschließlich Märchen mit starken, aktiven weiblichen Hauptfiguren, alte Märchen aus aller Welt, darunter viele aus dem arabischen und asiatischen Raum. Es hat mich als Kind sehr beeindruckt. Irgendwie seiner Zeit voraus und auch Vorbild für die von mir herausgebrachte Anthologie.

2) Mein Märchen fing ich vor sehr langer Zeit an mit Füller auf Büttenpapier zu schreiben, mindestens 15 Jahre ist das her. Nun ergriff ich endlich die Gelegenheit, es fertig zu schreiben. Neben dem Reiz von Frauen zu Pferd und Bogenschießen ging es mir auch um Klugheit und Offenheit.

Es gibt eine Reihe von Märchen, in denen Männerkleidung tragende Frauen eine Rolle spielen. Da ich auf dieses Thema mittlerweile eine erweiterte Sicht habe, ist die Ausgestaltung nun auch etwas anderes geworden.


🌹🐉🐱🍎


Ich hoffe, die kleine Interviewreihe hat euch gefallen und neugierig gemacht sowohl auf die Autor*innen als auch auf unsere wunderschöne Märchen-Sammlung!

Mittwoch, 10. Februar 2021

Lesungen aus der Märchenanthologie

Im Rahmen der wunderbaren Veranstaltung #allabendlichqueer lesen am 11. und 18. Februar jeweils 4 Autorinnen online aus ihren Märchen! 

Am 11.2. sind dies Mo Kast, Sarah Natusch, Nadine Engel und Nikki Reva.

Am folgenden Donnerstag sind Sakia Rönspies, Anja Lehradt, Katherina Ushachov und DasTenna (Carmen Keßler) dran.

Die Moderation habe ich für beide Termine inne und freue mich schon sehr darauf.

Der Zugangslink ist hier zu finden (der Link gilt auch für den 18.2.): https://literatunten.de/254-allabendlichqueer/

 

Außerdem liest am 16. Februar Jobst Mahrenholz seinen Märchenbeitrag aus Ayumi und die Prinzessin der Meere. Alle Veranstaltungen beginnen um 19.30 Uhr und sind über den obigen Link zu erreichen

Samstag, 6. Februar 2021

Interviews mit Autor*innen der Märchenanthologie - Teil 2

Hier der 2. Teil der Antworten von Autor*innen der Anthologie "Ayumi und die Prinzessin der Meere" auf meine Fragen zum Thema Märchen:

1. Was bedeuten Dir Märchen/was verbindest Du mit ihnen und welches ist Dein Lieblingsmärchen?

2. Was hat Dich zu Deinem Märchen inspiriert und welche Idee/Aussage verfolgst Du damit?

 

Kuro Umi * Rosalie & Ayana

1) Mit Märchen verbinde ich alte Geschichten, Mythen, Legenden und Sagen. Wahrheiten, Träume, Hoffnungen und Belehrungen.

Sei ihr Kern auch aus der schlimmsten, traurigen Wahrheit entsprungen, wurden sie mit der Zeit zu Hoffnungsträgern, indem sich die Begebenheiten änderten. Fantastische Wesen und einige schauderhaften Nachtmahre wurden zu besonderen Erzählungen verwoben und das sind sie bis heute. Wundersame, in eine andere Welt oder Zeit entführende Geschichten, die alle Zuhörer, Leser und Zuschauer mit etwas Magie verzaubern.

Welche meine liebsten Märchen sind, kann ich schlecht sagen, waren und sind sie doch alle für sich besonders.

Ganz klar mag ich die bekannten, wie "Das letzte Einhorn", "Die kleine Meerjungfrau" oder "Die Schöne und das Biest", doch ich denk auch oft an "Der Salzprinz" (keine Ahnung ob der so hieß, aber das stand auf unserer Kassette, die leider nicht mehr existiert), "Der Affenkönig" oder "Die sechs wilden Schwäne".


2) Ehrlich ist meine Geschichte etwas seltsam entstanden. Erst wollte ich mich an "Der Salzprinz" orientieren, in der (im Original) ein Prinz dem König sagen muss, wie viel ihm die Prinzessin bedeutet. Er sagte zum König: "Sie ist so kostbar wie Salz" doch der ganze Hof und der König verspotteten ihn und scheuchten ihn weg. Kurz darauf wurde das Königreich verflucht und fortan gab es kein Salz mehr, nur noch Goldstaub ...

Aber diese Richtung schlug ich nach wenigen Worten wieder aus und ich ließ das auf mich zukommen, was Rosalie und Ayana erlebten.

Ich wollte eine Geschichte, die verdeutlichte, das man keine eigenen Nachkommen zeugen muss, denn es gibt genug Kinder, die ohne Eltern aufwachsen und man kann jede von ihnen als sein eigenes Ansehen, die Menschheit wird dadurch nicht gleich untergehen. Und ist man älter und braucht die Unterstützung seiner Familie oder Nachkommen, weil das Alter einen plagt, dann sind diese Kinder da. Sie sehen dich als ihren Elternteil und wollen, solange sie Liebe und Güte erfahren haben, diese auch erwidern. Egal ob leibliche oder adoptierte, ich würde immer wollen, dass mein Kind ihr Glück findet.

Das Gleiche gilt auch für das Volk. Ab und zu braucht es eine Führung, ja, aber es sollte nie soweit überhand nehmen, dass man vergisst für sich selbst zu denken. Auch das miteinander sollte stets gepflegt werden. Wenn man sich gegenseitig hilft, sein Glück und Wohlstand teilt, ist das nicht wahrer Segen?


Kuro Umi hat zuvor bereits zwei Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht (u.a. Cosplay-Boy-Anthologie, Hrsg. Akira Arenth), das nächste Projekt ist schon für 2021 geplant.

https://www.facebook.com/KuronekoUmiume/
https://www.instagram.com/kuroneko_umiume/


Eva Andersson * Ayumi und die Prinzessin der Meere

1) Andersens Märchen "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen" war Schuld daran, dass ich es als sechsjähriges Kind kaum erwarten konnte, endlich lesen zu lernen, denn es wurde mir nie bis zum Ende vorgelesen –  wohl weil es so traurig war. Also passte ich in der ersten Klasse auf wie ein Luchs, und nach einem Vierteljahr hatte ich nicht nur die Fibel von vorn bis hinten durch, sondern auch das heißgeliebte Andersen-Märchenbuch. Ich liebte diese Phantasiewelt, in der so viele kleine unbedeutende Dinge, Spielzeuge, Figuren zum Leben erweckt wurden, ich liebte die Sprache, und ja, ich liebte auch die Traurigkeit in vielen der Andersen-Märchen.

Mein Lieblingsmärchen war und ist "Die Schneekönigin". Dieses wunderschöne, traurige, poetische Märchen, es hat mir schon als Kind das Herz gebrochen. Der Eissplitter in Kais Auge, sein immer kälter werdendes Herz – und das kleine Mädchen Gerda, dessen Liebe es hinaustreibt aus ihrer sicheren kleinen Welt, um ihren Freund zu suchen. Die wundersamen Abenteuer und Figuren, denen sie begegnet – und wie sie den letzten Weg in die Eishölle schließlich ganz allein geht. Und dann endlich endlich das Eisherz schmilzt und die erlösenden Tränen Kai wieder in ein fühlendes menschliches Wesen verwandeln.

Und wer liebt nicht das Märchen vom hässlichen jungen Entlein in all seinen Qualen des Andersseins, in seiner Verzweiflung, das schließlich zu einem wunderschönen edlen Schwan wird?

 

2) Japan ist ein Land, dessen Kunst und Kultur mich schon lange fasziniert. Es gibt so viele Widersprüche, aber auch so viel Poesie, in der fast immer auch etwas Melancholisches steckt. Das alte japanische Märchen vom Fischerjungen Urashimataro, der sich in eine Meeresprinzessin verliebte und erst nach Hunderten von Jahren in sein völlig verändertes Dorf zurückkehren konnte, hat mich ein bisschen zu meinem Märchen "Ayumi und die Prinzessin der Meere" angeregt.

Ich wollte gar keine Aussage machen, es steckt auch keine bewusste Idee dahinter. Ich habe meiner Phantasie und meinen Figuren freien Lauf gelassen.


Eva Andersson schreibt Gedichte und Erzählungen, von denen einige bereits in Anthologien veröffentlicht wurden. Nach dem Erzählband Sehnsucht nach Wärme erschien im März 2017 ihr erster Roman Der Traum vom Lesbencafé. Es folgten weitere Erzählungen und zusammen mit J. Walther die Reihe Weihnachtsküsse.


DasTenna * Von der Nixe und dem Menschsein

1) Märchen trugen neben den Geschichten von Astrid Lindgren, Enid Blyton, Wilhelm Busch und Karl May sicher ihren Teil dazu bei, dass mein Wortschatz in der Grundschule ein wenig ungewöhnlich, um nicht zu sagen „altertümlich“ war. Und ich konnte Stunden damit zubringen, den Hörbüchern zu lauschen und mich in den Anblick der dazugehörigen aquarellartigen Illustrationen zu versenken. Die VHS-Kassetten mit den Hörbüchern bewahrt meine Mutter meines Wissens bis heute auf. Gegen Ende der Grundschulzeit hatten Märchen zugunsten von Comics, Manga, Sagen, Krimis und phantastischer Literatur das Nachsehen und so entdeckte ich Märchen erst nach der Geburt des Gnömchens vor knapp acht Jahren wieder. Dadurch habe ich auch erstmals Bekanntschaft mit Märchen aus anderen Kulturkreisen und mit modernen Märchen gemacht.

Bezeichnenderweise entdecke ich gerade im Stil eines Terry Pratchett, eines Walter Moers oder eines Douglas Adams viel von dem, was mich an Märchen fasziniert hat und noch immer fasziniert: Die Ambivalenz allen Geschehens trotz vermeintlicher Eindeutigkeit von Gut und Böse; die unterschwellige Schwere und Traurigkeit bei gleichzeitig hoffnungsfroher Leichtigkeit; die Gewissheit des guten Ausgangs; die bildhafte und Bilder erschaffende, tänzelnde Sprache; die Selbstverständlichkeit des Absurden.

Mein Lieblingsmärchen, neben Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ und „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, ist das Grimm‘sche „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Meine früheste Begegnung mit subtilem Horror und unfreiwilliger Komik.


2) Als ich die Ausschreibung entdeckte, war mir recht schnell klar, dass ich eine tragische Liebesgeschichte in Anlehnung an Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ schreiben wollte. Denn ich liebe die Tragik dahinter und dass es nicht gut ausgeht, wenngleich am Ende dennoch ein Funken Hoffnung bleibt.

Um diesen Funken Hoffnung geht es mir denn auch. Darum, die Hoffnung nicht aufzugeben und Versuche zu wagen, Wege zu beschreiten, obwohl die Gefahr des Scheiterns besteht und alle behaupten, es ginge nicht.

Außerdem wollte ich zeigen, dass es verschiedene Arten und Weisen zu lieben gibt, die von einzelnen Personen individuell gewichtet werden, aber dennoch gleichwertig sind, und damit ein klein wenig auch zur asexuellen Sichtbarkeit beitragen.


Carmen Keßler, die auf DeviantArt, Instagram und Patreon als DasTenna und Das Nixblix unterwegs ist, hat bereits zahlreiche Texte veröffentlicht, darunter:

  • Fremd. Bekannt. In: Christoph-Maria Liegener (Hrsg.), 5. Bubenreuther Literaturwettberwerb 2019 (tredition 2019)

  • Antworten, unter Staub begraben. In: Spuren. Johnny X. Literaturzeitschrift der Goethe-Universität Frankfurt (2019)

  • Talente – oder: Nützlich ist relativ. In: Kinder auf dem Bauernhof (net-Verlag 2020)

  • Vergebung auf Ägyptisch. In: Uwe Tiedje (Hrsg.), Geschichten unterm Tannenbaum (telegonos publishing 2020)

     

Jobst Mahrenholz * Das Geheimnis des kupfernen Löffels

1) Ich bin wie das Gros hier mit Märchen aufgewachsen, habe sie geliebt (Grimm) und gefürchtet (Andersen). Sie haben mich in die Nacht begleitet, meine Träume geprägt auf entsprechende Weise.

Was sie mir bedeuten? Sie sind Vorreiter von Fantasy, wobei ich feststelle, dass ich tatsächlich ein Fan von Märchen bin, (vielleicht aufgrund der einfachen Struktur her), nicht jedoch von fantastischen Welten, (vermutlich aufgrund der überbordenden Struktur her. Alleine die Namen!). Sprechende Wölfe/Frösche/Ziegen/Kater akzeptiere ich unvoreingenommen – und gut.

2) Frauen erlebe ich sinnlicher als Männer. Die Idee, dass eine herzensgute Hexe, (von der man ja das Gegenteil annimmt, im klassischen Märchen) sich in eine bitterböse Prinzessin verliebt, (von der man ja das Gegenteil annimmt, im klassischen Märchen) gefiel mir von Anfang an. Dann war da eine frivole Idee, die mir behagte, da ich selbst es schätze, Körpersäfte jeglicher Art und Geschlecht zu verkosten. Diesen Fakt als Lösung in meiner Geschichte unterzubringen, war das reinste Vergnügen. Das war der Kern. Auch der Funke Humor. Dann noch ein sprechender Spiegel, etwas orientalisches Beiwerk, ein Fluch, et voila.


Jobst Mahrenholz arbeitete nach einem Studium der Literatur, Journalistik und Kunst als leitender Rundfunkredakteur und freier Autor im Hörspielbereich. Heute widmet er seine Zeit ganz und gar dem Schreiben von Büchern. Zu den Veröffentlichungen des bekannten Autors zählen die Romane Lucas Rezepte, Der linke Fuß des Gondoliere, Eine Ahnung von Pan und zuletzt Tullio.

https://www.facebook.com/jobstmahrenholz.de/


Mercy Cunningham * Die gestiefelte Katze

1) Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die an meine Oma, die mir aus einem wunderschön illustrierten Buch mit Märchen aus aller Welt vorliest. Märchen bedeuten für mich Geborgenheit und noch viel mehr. Sie haben meinen Wissensdurst geweckt, meine kleine Welt größer gemacht und haben in mich dazu inspiriert, selbst Geschichten zu erzählen.

Märchen waren für mich, als Mädel vom Land, der erste Kontakt zur phantastischen Literatur, die ich sehr liebe. Für mich ist es schwer, mich auf ein Lieblingsmärchen festzulegen. Jedes ist auf seine Weise wichtig. Im Augenblick mag ich die russische Verfilmung von On-Drakon (Neudeutsch: Dragon-Love Is A Scary Tale) sehr.


2) Wie würde sich eine Katze als menschliche Frau verhalten? Jede Katze weiß, dass sie schön ist. Sie ist irgendwie eine Prinzessin, aber dennoch eine Abenteuerin. Sie ist klug, charmant und sie geht ihren Weg, egal wer versucht, sie aufzuhalten. Sie weiß, was sie kann und lässt sich nicht von der Meinung anderer verunsichern. Gleichzeitig sind Katzen warme und liebevolle Wesen, die Nähe und Zuneigung zu schätzen wissen. Schon war eine Heldin geboren, und welches Märchen wäre passender für sie, als die gestiefelte Katze?

Was ich meinen Leserinnen jedes Alters mit diesem Märchen auf den Weg geben möchte ist: Das Leben ist nicht immer gerecht, nein, manchmal ist es sogar verdammt ungerecht. Man kommt in schlimme Situationen, ohne selbst die Schuld daran zu tragen. Irgendwann gelangt man an einen Punkt, an dem man nicht mehr weiterweiß. Dann ist es okay, einen Moment lang zu verzweifeln und die Hilfe von jenen anzunehmen, die einem die Hand reichen. Nur weil man sich gerade in einer weniger glücklichen Lage befindet, bedeutet das nicht, dass man es auf Dauer sein wird. In meiner Geschichte wäre Lenzi ohne Mina nie zu Stand und Reichtum gekommen, aber auch Mina wäre ohne Lenzi eine Katze geblieben. Vielleicht will ich auch einfach nur sagen, dass eine Beziehung ein Geben und Nehmen ist, das sich am Ende ausgleichen muss.


Mercy Cunningham hat ihre große Liebe zu einer guten Geschichte schon früh entdeckt. Bisher waren ihre Werke nur für einen kleinen Kreis zugänglich. Mit ihrem Märchen rund um die gestiefelte Katze gibt sie in dieser Anthologie ihr Debüt als Schriftstellerin.

 

 

Wer jetzt neugierig geworden ist, findet die Anthologie als eBook und Taschenbuch bei Amazon!

Dienstag, 19. Januar 2021

Online-Lesung am 23. Januar


Am Samstag, dem 23. Januar, lese ich zum wiederholten Mal bei #allabendlichqueer. Diesmal habe ich die Kurzgeschichte Der Engel auf der Fensterbank ausgewählt, da sie eine winterliche Stimmung vermittelt und somit in die Jahreszeit passt. Sogar der Schneefall hat bei uns mitgespielt :-)

Die Lesung findet ab 19.30 Uhr online statt und hier findet ihr den Zugangslink und die Informationen: https://literatunten.de/236-allabendlichqueer/

Um dieses tolle Projekt zu unterstützen, habe ich mich außerdem bereiterklärt, dreimal monatlich selbst bei den Online-Lesungen zu moderieren. So zum Beispiel am 28. Januar bei Jobst Mahrenholz, am 4. Februar präsentiere ich Eva Andersson und am 11. und 18. Februar gibt es Gruppenlesungen aus der Märchenanthologie!

 

Sonntag, 17. Januar 2021

Interviews mit Autor*innen der Märchenanthologie - Teil 1

In schöner Tradition habe ich auch den Beteiligten der Anthologie "Ayumi und die Prinzessin der Meere" allen die selben Fragen gestellt. Hier ist der 1. Teil der Antworten, die Fragen lauten:

1. Was bedeuten Dir Märchen/was verbindest Du mit ihnen und welches ist Dein Lieblingsmärchen?

2. Was hat Dich zu Deinem Märchen inspiriert und welche Idee/Aussage verfolgst Du damit?


Katherina Ushachov * Die Gefallenen

1) Ich bin mit Märchen aufgewachsen – sie wurden mir regelmäßig vorgelesen und eins der wenigen Relikte, die ich noch von meiner verstorbenen Oma besitze, ist eine selbst aufgenommene Kassette, wo sie mir Märchen vorliest und ich immer mal dazwischenspreche. Die Kassette hat sie damals aufgesprochen, kurz bevor wir nach Deutschland ausgewandert sind, damit ich wenigstens diese Erinnerung habe.

Später wanderte sie mit aus und ist in Deutschland verstorben, aber die Kassette habe ich immer noch (auch wenn ich sie nicht abspielen kann).

Seit 2016 bin ich Teil der Gemeinschaft "Märchenspinnerei", wir veröffentlichen regelmäßig Märchen in neuem Gewand, um zu zeigen, dass die Märchen von damals zeitlos aktuelle Thematiken in sich tragen, die auch den (erwachsenen) Menschen von heute viel aussagen und mitgeben können. Mich nach der Kindheit wieder mit Märchen zu beschäftigen, gab mir einen vermissten Teil meiner Identität zurück, von dem ich zuerst gar nicht merkte, dass der fehlt.

Mein Lieblingsmärchen ist "Die tote Zarewna", das ich mit dem Roman "Der tote Prinz" adaptiert habe.


2) "Die kleine Meerjungfrau" war immer schon ein queeres Märchen. Der Autor verarbeitete darin seine eigenen Erfahrungen, in der zerreißenden Diskrepanz aus seinem eigenen Glauben, seiner dadurch internalisierten Homomisia und seinen Wünschen nach Liebe und Geborgenheit. Nicht umsonst wird heute auch von vielen trans Personen das Märchen als Parabel auf den Wunsch der Transition gelesen.

Für mich fühlte es sich nicht zuletzt darum auch so natürlich an, die Geschichte in eine nicht näher bestimmte Jetzt-Zeit zu tragen und mit heutigen Problematiken (Kapitalismus, Klimawandel) zu verbinden, gleichzeitig vieles dennoch unbestimmt und unausgesprochen zu lassen, um Raum für eigene Interpretationen zu bieten.


Katherina Ushachov ist freie Lektorin und Autorin (u.a. Stahllilie und der mechanische Löwe (Littera Magia), August 2019 )

https://feuerblut.com

https://www.facebook.com/katherina.ushachov.autorin

https://twitter.com/evanesca


Mo Kast * O Hexenkind, mein Hexenkind

1) Was bedeuten Dir Märchen/was verbindest Du mit ihnen und welches ist Dein Lieblingsmärchen?

Ich bin mit Märchen groß geworden und ich hatte auch eine Ausgabe von den Grimm Märchen, die nicht geschönt wie Disney waren. Ich war fasziniert, wie unterschiedlich und manchmal auch grausam Märchen sein konnten, und wie viel man aus ihnen auch in unsere heutige Zeit mitnehmen konnte. Ein Lieblingsmärchen habe ich allerdings nicht, aber "Die Boten des Todes" fand ich recht cool.

2) Was hat Dich zu Deinem Märchen inspiriert und welche Idee/Aussage erfolgst Du damit?
Da ich sehr visuell geprägt bin, hatte bei dem Thema "lesbisches Märchen" sofort ein Bild vor Augen mit einem Mädchen, das nachtschwarze Haare hat, und einem, das strahlend hell wie ein Stern war. Dann kam mir der Gedanke, was wäre, wenn sich ein Mädchen in einen Stern verliebt? Und warum verliebt sie sich in den Stern? Vielleicht weil sie sich fremd in der Welt fühlt, nicht angenommen von anderen Menschen. Möchte man es modern ausdrücken, geht es um Mobbing – auch darum, wie aus einem Mobbingopfer selbst ein Mobber werden kann – und dass Akzeptanz und Liebe der einzige Weg aus solchen Mechanismen ist.


Mo Kast ist Designerin und Illustratorin und erfolgreich mit ihren selbstverlegten Büchern, die sie auch illustriert.

www.mokast.de


Jan Jürgenson * Das Herz einer Löwin

1) Märchen begleiten uns schon in Kindertagen. Sie unterhalten uns, inspirieren uns, ziehen uns in ihren Bann und bringen uns nebenbei auch noch etwas bei. Die Moral von der Geschichte eben. Toll ist es auch dass alte Märchen nicht aus der Mode kommen und dass ständig neue hinzukommen wie mit dieser Anthologie z.B. Man weiß ja nie, ob sie vielleicht mal ein Klassiker wird ;-) In der Welt der Märchen ist vieles oft einfacher als im wahren Leben, und am Ende gibt es meistens ein Happy-end – zumindest für die Guten darin. Wäre es im wahren Leben doch auch so einfach ;-)

Mein Lieblingsmärchen? Oh, das ist schwer, weil es so viele toll gibt. Zählen auch Märchenfilme dazu? Dornröschen könnte ich an dieser Stelle nennen. Aladin und die Wunderlampe, Die Schöne und das Biest aber auch Das hässliche Entlein. Wie letzteres habe ich mich schon oft gefühlt, was also zeigt, dass Märchen nicht nur für kleine Kinder sind, sondern auch für große Kinder. Zudem inspirieren mich Märchen, um daraus neue Geschichten zu machen, weil ihre Botschaften einfach zeitlos und universell sind, und damit wären wir schon bei der anderen Frage.

 

2) Zuerst dachte ich, ich könnte überhaupt kein Märchen für und über Frauen schreiben. Dann war da aber eine Idee, und ich habe mich ein bisschen schlau gemacht, recherchiert, um dieser Idee auch gerechnet werden zu können – wenn ich schon über das Volk der Amazonen schreibe, und Sappho von Lesbos passte auch ganz gut dazu. Alles stolze und mutige Frauen und das in einer Zeit, wo man von Gleichberechtigung noch weit entfernt war, würde ich mal behaupten. Aber solche Frauen gab es sicherlich schon immer, nicht erst in der heutigen Zeit. Ich habe mir dafür ein Mädchen stellvertretend rausgepickt, um zu zeigen, welchen Weg man gehen kann oder vielleicht auch muss, um der Mensch zu werden, der man ist oder zumindest gerne sein würde. Das ist nicht immer leicht, und oft werden einem Steine in den Weg gelegt, man zweifelt selbst an sich oder hört auf die Stimmen der anderen. Es ist aber immer die eigene Entscheidung, was man aus seinem Leben macht. Meine Hauptfigur Apollina verändert sich meiner Meinung nach im Laufe der Geschichte nicht, auch wenn sie hier und da aneckt. Sie bleibt sich immer treu, auch wenn das mitunter Tränen kostet. Am Ende findet sie aber ihren Platz auf der Welt, wo sie hingehört und so sein kann, wie sie ist. Das wünsche ich eigentlich jedem Menschen. So angenommen zu werden, wie man ist und nicht so, wie anderen einen gerne hätten. Es ist nicht immer einfach anders zu sein, aber wenn wir alle gleich wären, wäre es auch langweilig, oder? Zudem gibt es wohl auf der Welt keine zwei gleichen Menschen. Irgendwie ist man doch immer etwas anders, mal mehr mal weniger, äußerlich und oder innerlich. Und die Steine auf unserem Lebensweg können mitunter auch riesig sein, zumindest aber uns so vorkommen. Im Fall meiner Geschichte sind es sogar ein paar der alten Götter, aber auch die sind nicht immer und alle böse. Am Ende findet Apollina zudem mehr, als sich sicherlich am Anfang der Geschichte erhofft hat oder erhoffen konnte.

 

Jans erstes eigenes Buch erscheint voraussichtlich dieses Jahr. Er ist zu finden unter: https://www.facebook.com/jan.juergenson.7543 oder unter buch.boy bei Instagram


Saskia Rönspies * Von einer unerwünschten Liebe

1) Schon als kleines Mädchen habe ich Märchen geliebt. Ich besaß ein großes Märchenbuch mit schönen Zeichnungen, aus dem mir meine Eltern vorgelesen haben, bevor ich selbst lesen konnte. Es waren Märchen der Brüder Grimm. Ein Buch, das ich sogar heute noch besitze und in welches ich noch immer gern hineinschaue.

Erst als ich älter wurde, las ich auch Märchen von Hans Christian Andersen, die mir ebenfalls sehr gut gefielen, obwohl oder vielleicht weil sie zum Teil viel trauriger und nachdenklicher waren als die der Brüder Grimm. Besonders gerne mag ich bis heute Märchen, in denen eine starke Frau ihr Schicksal selbst zu bestimmen versucht. Mit Schneewittchen und Rapunzel, die passiv auf ihren Prinzen warten, konnte ich schon als Kind wenig anfangen. Die kleine Meerjungfrau oder die kluge Bauerntochter waren schon eher nach meinem Geschmack. Frauen, die wissen, was sie wollen und dafür einstehen. Ein Figurentypus, der mir auch heute in meinem bevorzugten Lese- und Filmgenre Fantasy besonders gut gefällt. Und einer, den ich in meiner eigenen Fantasy-Trilogie selbst zum Leben erweckt habe. Weitere starke Frauen warten in meiner digitalen Schublade ebenfalls darauf, ihre Welten besser machen zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass es Märchen waren, die mir den Weg dorthin gezeigt haben. Die mir eine Welt jenseits meines Alltags eröffnet haben, in die ich nur zu gerne verschwunden bin, wann immer sich die Gelegenheit bot.

Ein ganz besonderes Märchen war für mich immer Brüderchen und Schwesterchen von den Brüdern Grimm. Die Liebe von Schwesterchen zu ihrer Familie, insbesondere zu ihrem Bruder, ihre Treue und ihre Stärke über den Tod hinaus haben mich immer zutiefst beeindruckt. Vielleicht weil auch ich einen kleinen Bruder habe, der mir sehr viel bedeutet und zu dem ich – nach einer ungewollten und traurigen Phase der Entfremdung – nach meinem kürzlichen Coming Out langsam wieder ein innigeres Verhältnis aufbaue. Und weil auch ich alles tun würde für die wenigen Menschen, die ich wirklich liebe.

Als ich schon längst erwachsen war, machte mir das Fernsehen die große Freude und verfilmte in der Reihe 6 auf einen Streich diverse Märchen. Fortan saß ich an den Weihnachtsfeiertagen stets vor dem Fernseher und erfreute mich daran, meine alten Bekannten in behutsam modernisierten Settings erleben zu dürfen. Natürlich steht Brüderchen und Schwesterchen als DVD in meinem Regal und muss keine Angst vor dem Einstauben haben, denn wie viele andere Märchen inspiriert es mich noch heute zu neuen Geschichten, die ich auf Papier banne, um sie mit anderen Menschen teilen zu können.


2) Schon immer war mein Leben bestimmt von tiefgreifenden Wendungen und umstürzenden Überraschungen. Eine davon war, dass ich mich nach 11 Jahren Ehe mit einem Mann in meine beste Freundin verliebt habe. Erst waren wir tatsächlich nur Freundinnen, haben uns aber nach und nach immer weiter angenähert. Und wie das Leben so spielt, wurde daraus schlussendlich eine wunderbare Beziehung. Da ich unheimlich schnell einschlafen kann – und es mir auch regelmäßig passiert, dass ich einschlafe, wenn ich es mir gemütlich mache -, verpasste mir meine Freundin irgendwann den Spitznamen Dornröschen.

Als ich die Ausschreibung für die Märchen-Anthologie entdeckte, kam es mir aus diesem Grund sofort in den Sinn, eine Adaption von Dornröschen zu schreiben. Eine, in der Dornröschen nicht von einem Prinzen, sondern von einer Prinzessin wachgeküsst wird. Etwas, was im Grunde auch meine Freundin mit mir getan hatte. Jahrelang hatte ich in der unerfüllten Ehe mit einem Mann, den ich zwar bis heute sehr mag, aber körperlich nie begehrte, vor mich hingedämmert, ehe sie kam, mich erweckte und mir zeigte, wer ich wirklich bin. Daher inspirierte meine Freundin mich nicht nur zu dem Märchen an sich, sondern auch zur Figur Juliana.

Allerdings wollte ich nicht, dass es eine bloße Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen wird. Im Zusammenhang mit meinem Coming-Out beschäftigte ich mich ausgiebig mit lesbischer Literatur, Filmen und queeren Themen. Da mein Bruder schwul ist, hatte ich schon immer ein offenes Auge dafür gehabt, aber nun intensivierte ich mein Interesse. Mit Erschrecken stellte ich fest, wie viel Homophobie noch immer überall auf der Welt existiert. Dagegen wollte ich mit meinem Märchen ein Zeichen setzen. Daher schuf ich mit Julianas Königreich eine Gesellschaft, in der jede Lebensweise toleriert und für normal erachtet wird. Als Gegenpart setze ich die fremde Königin, die alle von heteronormativen Vorstellungen abweichenden Formen von Liebe ablehnt. Gegen diese muss die Heldin nicht nur bestehen, um ihre Liebste zu befreien, sondern auch, um eine Welt zu retten, in der alle Lebensweisen willkommen sind. Eine Welt, wie wir alle sie uns wünschen und für die es sich zu kämpfen lohnt.


Saskia Rönspies veröffentlichte 2017 und 2019 die ersten beiden Bände ihrer Fantasy-Trilogie Die Melodie des Lichts um eine junge Kriegerin in einer patriarchalischen Welt als Selfpublisherin bei BoD.

www.facebook.com/Die-Melodie-des-Lichts-811278849057212

www.instagram.com/autorin_saskia_roenspies/


Anja Lehradt * Der Drache mit den Sternenaugen

1) Ich verbinde mit Märchen vor allem meine Kindheit. Meine Oma hatte ein großes Märchenbuch mit Märchen aus Tadschikistan. Daraus hat sie mir immer vorgelesen. Ich habe es geliebt. Sobald ich lesen konnte, haben meine Eltern mir ein dickes Märchenbuch gekauft und ich konnte eintauchen in die Welt der Wunder, Zauberer, Hexen, sprechenden Bäumen und Töpfen. Ich bin überzeugt, dass hier der Grundstein für meine Liebe zur fantastischen Literatur gelegt wurde. Ich habe kein spezielles Lieblingsmärchen.


2) Ich wollte unbedingt ein Märchen schreiben, in dem ein Drache vorkommt. Der Rest ergab sich dann bei einem Spaziergang.


Anja Lehradts erste Veröffentlichung war Dark Road, der erste Band aus dem Otheiá-Zyklus, den sie 2020 noch einmal überarbeitet und erneut veröffentlicht hat. Unter dem Pseudonym Claire Ashburne veröffentlichte sie A Cup of Tea, please. Derzeit arbeitet sie am zweiten Band aus dem Otheiá-Zyklus, übersetzt den ersten in die englische Sprache und arbeitet parallel an einer zweiten Geschichte für Claire Ashburne.


Nadine Engel * Das Lied der Sirene

1) Ich liebe Märchen, daher war mir auch sofort klar, als ich die Ausschreibung sah: „Ich muss da mitmachen“.

Ich verbinde mit Märchen Erinnerungen an meine Kindheit. Die Sprache, Reime, Sprüche, das habe ich immer schon geliebt. Was mich heute fasziniert, ist die Tatsache, dass man Märchen sowohl als Kind mit Spannung lauscht, doch als Erwachsener oft noch ganz andere Dinge in der Geschichte erkennt. Also Unterhaltung für Jung und Alt gleichermaßen mit einer Moral. Vermutlich ist genau deswegen mein Lieblingsmärchen „Das hässliche Entlein“. Egal was andere sagen, ob man missverstanden und verstoßen wird, man muss seinen eigenen Weg gehen. Wer sich selbst erkennt, kann strahlen.


2) Mir war klar, ich will und muss eine Geschichte einreichen. Ideen hatte ich gleich mehrere, doch welche sollte ich verfolgen? Dank eines Hinweises einer lieben Autorenfreundin fokussierte ich mich auf das Element Wasser. Und ich freue mich riesig, dass wir beide nun in dieser Anthologie vertreten sind.
Ich finde es grandios, dass diese Sammlung die Möglichkeit bietet, mit typischen Klischees zu brechen. Starke Frauen gab es schon immer in Märchen, hier haben sie nun ihre eigene Plattform und können sich völlig frei entfalten. Wer uneigennützig handelt, wird belohnt. Ein reines Herz kann mehr erreichen, als Krieger in Rüstungen. Genau das wollte ich einfangen und verpackte dies in ein Märchen über eine verfluchte Sirene.


Nadine Engel veröffentlichte bisher: Erinnerungen | Grey Gull Puplications Anthologie: Winterkälte und Weihnachtsgrauen, November 2020 sowie: Die Muse Musica | net-Verlag Maria Weise Anthologie: Lebendige Noten, Dezember 2020, und ist auf Instagram unter nadine_h_engel zu finden.

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