Freitag, 16. Januar 2015

Autoreninterview mit Dennis Stephan

Hier nun schon das Fünfte Autoreninterview auf meinem Blog, diesmal mit dem jungen Berliner Autor Dennis Stephan. Wir lernten uns bei der Buchvorstellung von Mein schwules Auge 10 kennen und tauschen uns regelmäßig über die Untiefen des Autorendaseins aus.

Dennis Stephan wurde im 1989 in Berlin geboren, wo er immer noch lebt. Im Herbst 2013 erschien sein Debütroman Der Klub der Ungeliebten im Incubus-Verlag. Außerdem veröffentlichte er die Kurzgeschichten Mir die Welt und Der Preis der Freiheit in der Anthologie Mein Schwules Auge 10/11.
Privat der Belletristik zugewandt, arbeitet Dennis Stephan im journalistischen Sektor der Publikumszeitschriften, seit August 2012 ist Dennis Stephan als freier Mitarbeiter für das Männermagazin VANGARDIST in Wien redaktionell tätig.


Was motiviert Dich, Bücher zu schreiben?
Ich weiß nicht. Ich glaube, es ist mehr eine innere Motivation, so was Eigennütziges. Ich schreibe, über die Dinge und Themen, die mich bewegen, die mich beschäftigen, mir Kopfschmerzen bereiten oder Herzschmerz. Ich hab das Gefühl, mit diesen Dingen besser umgehen zu können, wenn ich sie aufschreibe.

Trifft das auch auf Deinen Debütroman zu? Wie ist die Entstehungsgeschichte von Der Klub der Ungeliebten?
Die geht zurück auf eine Phase in meinem dailysoapartigen Leben, in der ich mich zum ersten Mal Hals über Kopf in einen anderen Mann verliebte. Eine unglaublich aufregende Zeit war das – mit wabbeligen Beinen und Sprachhemmungen und gedanklichen, zur Eigenheimgründung gepackten Umzugskartons. Meine Cousine war in dieses ganze Liebeschaos involviert und um diesem ganzen Schlamassel irgendetwas produktives abgewinnen zu können, begann ich damit, eine Geschichte zu schreiben – über zwei junge Menschen in Berlin, die sich verstehen wie Pat und Patachon, obwohl sie nicht unterschiedlicher sein können. Nach und nach wurden Figuren gestrichen, Handlungsorte umgebaut, neue Charakter und Themen dazu: eine alte Dame, die als verrückt abgestempelt, aber eigentlich nur missverstanden wird; ein übereifriger Liebhaber, dessen Zuneigung Formen von Obsession annimmt; und der selbst instabile Prinz, der schließlich das Herz der hochnäsigen Prinzessin für sich gewinnt.

Und wie lange hast Du daran geschrieben?
Das Schreiben des „Klub der Ungeliebten“ hat ungefähr vier Jahre in Anspruch genommen, bis er dann veröffentlicht wurde verging noch einmal ein Jahr – das macht dann insgesamt fünf, was nicht gerade wenig ist für so einen kurzen Roman. Ich denke aber, dass diese Zeit wirklich sehr wichtig für das Buch und für mich selbst war, weil ich mich in diesen fünf Jahren so stark entwickelt habe, dass all die Unsicherheiten, Ängste und Hoffnungen, genauso wie die Stärken und Zuversichten, die man zwischen 19 und 24 durchlebt, die Möglichkeit hatten, die Charaktere mitzuformen. Hat dieser Satz jetzt Sinn ergeben?

Natürlich – also bist Du 1989 geboren. Warum hast Du die 90er Jahre für Deinen Roman gewählt und wie hast Du das Flair dieser Zeit so gut einfangen können?
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob mir das wirklich so gut gelungen ist. (lacht) Ich hab so im Nachhinein das Gefühl, das ich eine Stadt erschaffen habe, die es zu dieser Zeit – also in der Mitte der Neunziger – noch gar nicht so gab, wie ich sie mir vorgestellt habe. Aber das ist letztlich auch okay, es ist Fiktion, und ich nenne nie den Namen der Stadt, in der Adam und Coralie leben und lieben. Die Neunziger habe ich gewählt, weil ich keinen Bock darauf hatte, dass meine Protagonisten sich über Smartphones verabreden oder via WhatsApp kommunizieren. Die ganze neue Informationstechnologie hat vieles erleichtert, aber auch vieles kaputt gemacht. Meine Charaktere haben wirklich Zeit für einander, sie nehmen sich die Zeit für einander, um miteinander auf dem Dach ihres Hauses Gin Tonic zu schlürfen oder mit ihrer Nachbarin über den Sinn des Lebens zu diskutieren. Ich hatte das Gefühl, die ganze Geschichte hätte nicht funktioniert, wenn ich ihr nicht all diese technischen Spielereien geklaut hätte. Außerdem bin ich ein großer Fan der modischen 80er und 90er Jahre – Beverly Hills, 90210, love it! (lacht)

Anders gefragt – wie verdammt hast Du in Deinen jungen Jahren einen solch komplexen und einzigartigen Roman hinbekommen?
Erst einmal vielen Dank für die Blumen. Was den Roman einzigartig macht, bin glaub ich weniger ich oder mein Alter, als vielmehr die Leser, die den Roman für sich interpretieren und auslegen. Nicht jeder hält den Roman für so einzigartig, sondern rät mir eher dazu, lieber Malbücher zu gestalten … Ich glaube, Liebe oder generell alle zwischenmenschlichen Emotionen sind niemals einfach. Liebe und Freundschaft sind immer komplex, immer variable und nie konstant, das ist auch das Schöne an ihnen. Ich wehre mich manchmal dagegen, wenn jemand den Klub der Ungeliebten als Liebesroman bezeichnet, obwohl derjenige da ja durchaus recht hat. Es ist ein Roman über Liebe, über all ihre Facetten. Vor allem darüber, dass Liebe eben nicht nur schön und angenehm ist, nicht nur aus Palmen und Flitterwochen besteht, sondern auch wehtut, komische Dinge mit uns anstellt und uns auch verändert. Ich denke, das begreifen die Leser am Ende des Buches, dass selbst der scheinbar größte Verrat von der bedingungslosesten Liebe angetrieben sein kann.

Wie viel an persönlichen Erlebnissen ist in Der Klub der Ungeliebten eingeflossen?
Nenn mir eine Stelle, die du gern auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen würdest, und ich versuche dich nicht zu enttäuschen! Nein, irrsinnig viel. Ich könnte jetzt nicht sagen, das und das und das ist mir genauso wirklich passiert, aber jedes einzelne Puzzleteil stammt aus meinem Leben. Ich bin nicht Adam, auch wenn viele mich in ihm sehen. Ich bin Adam und Coralie und Madame Porzellan und Yannick und Marc … Jede Figur trägt gute und schlechte Eigenschaften von mir in sich, welche das sind werde ich hier lieber nicht verraten. Aber ich glaube, das macht sie auch sehr menschlich. Oder wie siehst du das?

Die Figuren werden, gerade durch ihre Widersprüche, sehr lebendig. Gerade Coralie, die mit ihrem Sarkasmus auch allzu romantische Anflüge bricht. Der Stil des Romans ist ja schon als poetisch, schnörkelig, bildgewaltig, blumig oder verträumt bezeichnet worden. Wie würdest Du selbst ihn beschreiben? Ist es „Dein“ Stil, oder habe andere Texte von Dir einen anderen Charakter?
Kitschig hast du in deiner Aufzählung vergessen, als kitschig wurde er auch schon bezeichnet. Ich weiß
nicht so genau. Ich würde niemals bestreiten, dass Der Klub der Ungeliebten die Stulle sehr dick mit Pathos bestreicht. Ich fand es einfach angebracht, auch angesichts der besonderen Charaktere, die ich geschaffen hatte, die Welt um die Figuren so sinnlich und detailliert wie möglich zu beschreiben. Ich bin ein Mensch, dem bereits Bäche über die Wangen laufen, wenn er mit seinem besten Freund einen Sonnenaufgang am Meer beobachtet. Aber auch für Menschen, die nicht super-feinfühlig sind, wie Coralie, gibt es Momente im Leben, in denen sie plötzlich die imaginäre Brille auf die Nase gesetzt bekommen und Dinge völlig intensiviert und klar in Form und Farbe wahrnehmen. Na, von welchem Zustand rede ich, hm? Die Welt ändert sich nicht, auch nicht, wenn wir uns verlieben, aber wir selbst ändern uns, und unser Blick für all das Schöne und Hässliche um uns herum. Ich denke es wird eine Art Berufskrankheit bleiben. Meine Texte werden wohl immer eher sanft, als hart sein, eher streicheln als kratzen, aber auch eher die Tiefen und Höhen kartographieren, als die Oberfläche.

Gibt es Vorbilder, Autoren, die Dich in der einen oder anderen Weise beeinflusst haben?
Andreas Steinhöfel ist ein Jugendbuchautor, der mit Die Mitte der Welt ein ganz umwerfendes Coming-of-Age-Buch geschrieben hat. Er hat mich stark inspiriert, ebenso wie Gilbert Adairs Buch Träumer oder Janet Fitch, ich liebte Weißer Oleander.

Da muss ich lächeln, denn Die Mitte der Welt ist auch eins meiner Vorbilder – ich habe es gleich nach Erscheinen gelesen. Gibt es einen besonderen Ort für Dich, an dem Du gerne schreibst, oder der Dich zum Schreiben inspiriert?
Seltsamerweise schreibe ich immer an neuen Laptops wahnsinnig gut und motiviert. Es sieht also so aus, als ob immer erst mein aktueller Arbeitsplatz verrecken muss, bevor die Ideen sprudeln können. (lacht) Nein, eigentlich gibt es so einen Ort nicht. Ich trage oft ganz klassisch eine Kladde mit mir herum, in die ich immer alle möglichen Ideen oder Satzfetzen kritzeln kann, wenn ich wieder in der Bahn unterwegs bin und ausschweifende Dialoge mit mir selbst führe. Ansonsten finde ich Musik beim Schreiben ganz inspirierend.

Wird man auch noch weitere Kurzgeschichten von Dir lesen können? Welchen Stellenwert haben Sie für Dich im Vergleich zu Romanen?
Naja, eine aktuelle Kurzgeschichte, auf die ich nebenbei gesagt auch sehr stolz bin, ist im aktuellen Sammelband Mein Schwules Auge zu lesen. In Der Preis der Freiheit geht es um Bindungsangst. Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft Verlage für mich und meine Geschichten interessieren kann.

Davon bin ich überzeugt. Kannst Du schon etwas über Dein nächstes Werk verraten? Worum geht es?
Oh Gott ja, ich bin schon super euphorisch. Es geht natürlich um Liebe. (lacht) Nein, also doch, aber es geht vorrangig um meine Generation, um die Generation junger Menschen in Berlin, um ihr Leben hier und ihren Lebensinhalt. Es wird thematisch ein bisschen ernster werden, um Abhängigkeiten und Süchte und Sehnsüchte gehen, um Musik, ums Nachtleben, aber auch um Freundschaft und das, was uns eigentlich alle auf unserer Suche nach unserer Identität verbindet. Natürlich bleibe ich mir selbst treu und der Leser darf sich auch dieses Mal auf eine Achterbahnfahrt schielender Metaphern und verkehrter Wortbilder freuen und natürlich auf romantische Liebe in ihrer schönsten Form – nämlich unerfüllt.

Das klingt spannend! Und wann soll es erscheinen?
Von mir aus noch dieses Jahr. Ich bin gerade am Feintuning. Hab also das Manuskript praktisch in der Schublade liegen, aber es hat noch keiner vollständig gesehen. Ich habe ein paar sehr gute Freunde, die meine Werke auf Herz und Nieren prüfen, und mir auch sagen, wenn etwas richtig gequirlte Scheiße ist. Die Meinung dieser Leute ist mir sehr wichtig und ich würde niemals bei irgendeinem Verlag klopfen, ohne ihre Zustimmung zu haben. Und dann gibt es da auch noch ein paar Menschen, deren Segen ich für das Projekt gern einholen möchte, weil ich das Gefühl habe, das bin ich diesen Personen schuldig.

Ich freue mich darauf und wünsche Dir viel Erfolg!

Website zum Buch: http://dennisstephan.wix.com/klubderungeliebten

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