Dienstag, 31. Juli 2018

Aktion Sommerbuch Teil 2

Weiter geht es mit der Aktion Sommerbuch ...

Den Beginn macht das ultimative #Sommerbuch - Sommerstück von Christa Wolf

Jetzt müssen wir von der Hitze reden. Die hatte erst angefangen, wir wussten noch nicht, daß es Die Hitze war. Ein schöner Sommer wird das, sagten die Leute. Ein warmer Sommer. Ein Hitzesommer. Die Zeitungen fingen an, ihn vorsichtig zu tadeln. Er hielt sich nicht an die Produktionspläne der Landwirtschaft. Woche um Woche fiel kein Tropfen Regen, und das in dieser meernahen Gegend. Die Natur schien gegen sich selbst zu arbeiten. Jeden Morgen stieß Ellen die Hintertür auf, trat auf den Grashof: Da war er, der sich gleich bleibende Sommer. Da stand die Sonne hinter dem lichten Kirschgehölz und sang. Sang wie hundert Stare, die als kreischende dunkle Wolke aufstoben, wenn Ellen in die Hände klatschte. Nun berührte der untere Rand der Sonne den Kirschbaum, die letzte Gelegenheit für heute, sie als Scheibe, Kugel, Gestirn zu sehen. Minuten später schon werden wir die Augen gegen sie abschirmen müssen. Neu war es Ellen, ein Wort wie "lustvoll" in den Tag hinein zu denken. Sich darin zu üben, zuerst die Augen, dann die anderen Sinne zu öffnen. Vor dem dichten Vorhang der Stille die Morgengeräusche des Dorfes einzeln zu unterscheiden. Die Trockenheit, die von leichter Bitterkeit durchsetzte Frische der Luft zu riechen. Die Wärme auf der Haut zu spüren. Auf die sanfte Gegenströmung von innen her warten, die so lange unterdrückt gewesen war und die keinem Zwang gehorchte.
Bis von jenseits der Dorfstraße, aus ihrem mit flammendem Mohn über und über besetzten Vorgarten, …





~*~
„Trinken wir noch was?“, fragte Leo mich. Sein Grinsen sagte mir, dass es eine fragwürdige Idee war.
„Zuhause ...“, schlug ich vor. Da hatte ich ihn auf der sicheren Seite.
„Du bist wunderbar ...“, geriet er etwas ins Schwärmen.
„Du auch Leo. Und jetzt guck nach unten, wenn du den Schritt machst.“
Mit 'dem Schritt' bezeichneten wir die Spanne vom Anleger zum Boot. An sich keine große Sache, aber in Leos Fall zumindest eine Hürde, eine schwankende.
Er meisterte sie mit Bravur.
Weit hatten wir es nicht, daher drehte ich noch eine Kurve, um das Boot etwas zu bewegen, den malerischen Blick vom Wasser aus genießend, vor allem jedoch, um etwas Zeit zwischen jetzt und gleich zu bringen.
Ich war wirklich sehr aufgeregt.
Vor allem nicht sehr geübt in so was.
Aber es wurde Zeit. Bevor mich der Mut verließ.
„Es war ein großartiger Abend ...“, verkündete Leo wiederholt, als wir endlich die Fondamenta Frari erreicht hatten. Er freue sich auf einen Grappa, hatte er mich wissen lassen.
Nun, das war auch eine Idee.
„Cece ...“, sagte er schließlich, als ich dabei war, die Tür aufzuschließen, „... Ich weiß wirklich nicht, wie ich das je wieder gut machen kann.“
Da fasste ich mir ein Herz, zog ihn zu mir, in den Schatten des Torbogens, strich behutsam durch sein Haar. Meine Lippen flüsterten sacht: „Da hätt ich schon eine Idee, Leo ...“
Und dann küsste ich ihn.

(von Jobst Mahrenholz)


~*~
Während Carolyn die Glastür aufschloss, erhob sich die Frau und hechtete mit einem sauberen Kopfsprung ins Wasser. Die Füße waren leicht gespreizt, beim Eintauchen der Schultern stoben kleine markante Spritzer empor. Als Carolyn durch den schattigen Innenhof und über den schmalen Rasenstreifen zum Pool ging, beobachtete sie, wie die Frau in sachtem Bogen aus dem Wasser auftauchte, ihr Körper glich einem Krummsäbel – mit durchgedrücktem Rücken, den Armen seitlich am Körper, geschlossenen Augen und gestrecktem Kopf, verzückt. Im langsamen Auftauchen an die Oberfläche lag eine solche Sinnlichkeit, dass Carolyn sie spürte.
Nun rieb sich die Schwimmerin die Augen. Da sah sie Carolyn am Poolrand und schwamm mit leichten Bruststößen zu ihr. Sie erhob sich am flachen Ende, das Wasser perlte über breite, feste Schultern, tropfte aus den schwarzen Haarsträhnen und rann den Nacken hinab.
Carolyns Blick glitt über verwaschene abgeschnittene Jeans, die knapp bis an die tiefgebräunten Schenkel gingen, zu einem grauen, an üppigen Brüsten klebenden T-Shirt – einem undefinierbar verblichenen Ding –, zu wachen dunkelbraunen Augen und einem großen Mund mit vollen Lippen, die amüsiert zuckten.
Die Frau strich sich das spritzende Haar aus der Stirn. »Eins fünfundachtzig«, sagte sie.
(von Katherine V. Forrest)



~*~
Die Geschichte zum Song "The Boys of Summer"
 
Eine Möwe fliegt dicht an uns vorbei, kreist, bleibt in der Luft stehen und kreischt, dann fliegt sie weiter zum Wehr am Abfluss des Sees. Ich betrachte die samtige Sommerbräune auf Jens gebeugtem Nacken.
»Denkst du noch manchmal an Rob?«, fragt sie bemüht beiläufig.
Jeden Tag, aber das würde ich ihr gegenüber nie zugeben. Rob, wie er das erste Mal den Strand herunterkommt und wir beide den Atem anhalten. Wie er betont langsam geht, jeden anlächelt, alle ihn beachten. Jen dreht sich gelassen, mit einem kleinen Gähnen, zum Wasser um. Sie weiß genau, dass er zu uns kommen wird. Ich starre immer noch.
Schließlich steht er vor uns, lächelt mich an - er lächelt mich an! - und sagt dann etwas zu Jen. Oh, er ist mutig, er versucht nicht, über mich an Jen ranzukommen. Jen antwortet gelangweilt, aber nicht abweisend. Dann dreht sie langsam ihren Kopf über ihre Schulter und schaut ihn von schräg unten an. Der schöne Fremde blickt immer noch zu mir.
Von da an sind wir immer zu dritt unterwegs. Promenieren am Strand, schwimmen um die Wette bis zur Insel, fahren in Robs 50er-Jahre-Cabrio herum. Rob weiß genau, wie gut er aussieht, aber er ist nie überheblich, immer ruhig und souverän.
Im Eiscafé setzen wir uns mit unseren Sonnenbrillen in Positur, bis wir alle Blicke auf uns ziehen. Rob bestellt uns einen Eisvulkan, den wir zu dritt auslöffeln. Jen flirtet hemmungslos, während ich nur versuche, ab und zu mit meiner Eislöffelhand die seine zu streifen. Wir kosten die sonnigen Tage in vollen Zügen aus. Schwimmen abends nackt in einer kleinen Bucht, Rob hört nicht auf mich zu tauchen, unser Lachen schalt über den See, bis Jen Rob an sich zieht und ihn küsst.




~*~
Ihm klebte das T-Shirt am Körper. Zwischen Rucksack und Rücken konnte man bereits Gemüse dünsten, und die Wassermassen zwischen den Hinterbacken luden zu einer Wildwasserfahrt ein. Mit anderen Worten: Für Ende Juni war es mit vierunddreißig Grad zu heiß in Deutschland. Nach der Zeit in Texas hatte er sich auf ein bisschen Abkühlung im deutschen, nasskalten Sommer gefreut. Nada.
Eigentlich wollte er die Strecke vom Bahnhof bis nach Hause gemütlich zu Fuß gehen und dabei sein Heimatstädtchen begrüßen. Schließlich war er acht Monate lang zur Umschulung von der F-4F Phantom auf den Eurofighter in der Sheppard Air Force Base gewesen. Im Prinzip war er froh, zurück zu sein, doch der bevorstehende Spaziergang würde allerdings eher einem Überlebenstraining in sengender Mittagshitze gleichen. Die andere Option wäre ein Taxi. Nein, viel zu dekadent. Dann würde es wieder heißen, die Burschen von der Luftwaffe waren sich zu fein, um dreckige Stiefel zu kriegen.
(Sydney Stafford)

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