Sonntag, 25. Oktober 2015

Autoreninterview "In seiner Hand" - Teil 2

Hier nun der zweite Teil der Interviews mit den Autoren von »In seiner Hand – Geschichten voller Männerlust« (Teil 1)
Die Fragen, die an alle Autoren gingen, lauteten:

  1. Woher kam die Idee/Inspiration zu Deinem Text?
  2. Wie schwer fiel es Dir, explizite Erotik zu schreiben? Wie stark unterscheidet sich das von Deinen bisherigen Texten?


Florian Höltgen – »Zehn Prozent«

Frage 1 Raik ist verantwortlich. Ich habe gerade sein "Anno" gelesen. Ich habe allerhand Projekte unterschiedlichster Genres in der Schublade. Manchmal ärgert es mich, dass ich mich nie so recht rantraue, weil ich denke, dass ich nicht so gut bin wie ich gern für die jeweilige Idee wäre. Und dann lese ich Raiks Buch und dachte: Okay, so geht das also. Wie damals in der Schule, wenn alle schreiben und man selbst total erschlagen ist. Und irgendwann fragt man dann verzweifelt: "Kann ich mal gucken?"

Raik hat mich also angeschubst und das Genre festgelegt. Und dann kam Raik im Buch auch passgenau mit dem Chip um die Ecke. Die Idee, per Fernbedienung bei jemandem Lust auszulösen, sodass derjenige nicht mehr anders kann, als mit einem zu schlafen. Tja, wer kommt denn da nicht ans Fantasieren? *hust hust* So fängt es ja meistens an: Man ist völlig fasziniert und plötzlich gehen die Rollos runter und man hängt in seinen Was-wäre-wenn-Gedanken fest. Am Ende kommt dann so was raus. Raiks Chip macht Lust, meiner verhindert sie. Selbstverständlich gibt's in beide Richtungen Probleme ;)

Frage 2 Probleme ... Gute Überleitung :D Ich wollte unbedingt an der nächsten Incubus-Ausschreibung teilnehmen. Und dann wurde das Thema bekanntgegeben ... OH NEIN!!! Ich habe ziemlich lange gebraucht, um mich von den Altlasten freizumachen und die Aufgabe von Incubus nicht als Strafe anzusehen, sondern als Herausforderung. Ich war tatsächlich versucht, irgendwas mit S/M zu schreiben!
Der Unterschied bei dieser Story liegt darin, dass ich die Sache ernstgenommen habe. Ich wollte keinen Sexkram, den ich aus Trotz übertreibe. Die Aufgabe an mich selbst lautete: Wie kann ich eine Erotikgeschichte schreiben, in der es keinen Sex geben darf? Jawohl, wenn mir etwas schwerfällt, versuche ich nicht unbedingt, mir die Sache leichter zu machen *hmpf*
Und das ist für mich selbst bei dieser Geschichte anders: Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis! Das kann ich von meinen anderen expliziteren Texten nicht behaupten.



Devin Sumarno – »Prometheanisches Quartett«
Frage 1 Ich dachte mir: „Wenn ich schon eine Sexszene schreiben soll, dann aber ohne Tabus.“ Ich finde selbst eher Gefallen an Erotik, die vielleicht schon ein bisschen an der Grenze des guten Geschmacks kratzt. Ich mag es, wenn es auf der Handlungsebene verdorben, aber sprachlich nicht vulgär ist. Ich wollte daher etwas schreiben, dass kinky ist, die Figuren dennoch nicht entwürdigt. Gleichzeitig ist aber auch Björn (wie immer) schuld, der in der Diskussion um den Ausschreibungstext den schönen Begriff „Spaß mit Sperma“ fallen ließ, was ich wörtlich genommen habe. Er hat es sich gewünscht, er sollte es bekommen.


Frage 2 Ich hatte da großen Respekt vor. Gute Erotik ist so etwas wie die Königsdisziplin, ich habe bisher nur sehr wenige Sexszenen gefunden, die mich selbst wirklich angesprochen haben. Daher hab ich mich schon etwas schwer getan, zumal ich auch schon ewig keine ausladende Sexszene geschrieben habe. Dass ich mir (schon wieder) vier Figuren vorgenommen habe, hat den Schreib- und Überarbeitungsprozess nicht gerade vereinfacht, da man die Übersicht über 16 Gliedmaßen behalten muss. Uli war im Lektorat so verzweifelt, dass er sich eine Skizze angefertigt hat, aber ich glaube, wir haben zusammen dann sämtliche Arme und Beine gut sortiert. Was diesen Text von den anderen unterscheidet, ist wohl der fehlende Konflikt. Ich wollte mich an einer klassischen PWP-Szene versuchen, da ich die Ausschreibung in dieser Art interpretiert habe; auch wenn ich nach der Lektüre der anderen Geschichten dann gemerkt habe, dass die Kollegen alle richtige Geschichten geschrieben haben, so mit Handlung und Thema. Jedenfalls verlangte der  Ausschreibungstext nach Spaß, weshalb ich auf ein allzu düsteres Geschehen verzichten wollte. Die Vier-Personen-Konstellation sowie ein wenig Spielerei mit der Erzählweise konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Ich wollte einen Aspekt von Voyeurismus drin haben, weshalb diese etwas komplizierte Form entstanden ist, bei der jede der Figuren einer anderen zuschaut. Das Cuckolding/Sloppy-Seconds-Unterthema hat sich dann als Abrundung für die Freunde mit gewissen Vorzügen und den Voyeurismus angeboten.



Leann Porter – »Wolfsträume«

Frage 1 Die Geschichte spielt in meiner Fantasy-Welt Danu, zu der mich viele Reisen nach Irland inspirierten, besonders die Mythen um die Túatha Dé Danann. Sie herrschten der Legende nach über Irland, bis sie von den Milesiern geschlagen wurden. Das Land wurde aufgeteilt und sie mussten fortan in den unterirdischen Bereichen Irlands, der Anderwelt, leben. Ihre Nachfahren sind als Sidhe bekannt, das "Volk aus den Hügeln". Ich habe mir überlegt, wie diese Anderwelt wohl aussehen könnte und wie das Leben der Sidhe weiterging, und so entstand Danu. Während der letzten Jahre habe ich einige, bisher unveröffentlichte, Romane geschrieben, die dort spielen.

Zu dem in der Geschichte beschriebenen Tanz, dem Damhsa, mit dem die Kämpfer sich vor dem Training aufwärmen, inspirierte mich Capoeira, ein brasilianischer Kampftanz. Die kraftvolle Eleganz fasziniert mich und ich dachte mir, dass diese Art "Tanz" gut zu meinen kämpferischen Sidhe passt.

Frage 2 Die Erotik war nicht das Problem, sondern die Kürze. Ich schreibe eigentlich überhaupt keine Kurzgeschichten. Immer, wenn ich es versucht habe, wurde gleich ein Roman daraus. Aber als ich die Ausschreibung von Incubus entdeckte, war ich sofort begeistert und wollte unbedingt mitmachen. Ich mag den Verlag sehr und Erotik schreibe ich gerne. Die Kurzgeschichte unterscheidet sich daher nicht besonders von meinen bisherigen Texten, nur dass sie eben kürzer ist. Ich muss gestehen, dass mir eine Figur aus der Geschichte so gut gefiel, dass sie nun auch in einem längeren Werk vorkommen wird, an dem ich gerade schreibe.

An meinen ersten Ausflug in das Schreiben expliziter Erotik erinnere ich mich noch gut. Vor drei Jahren ist mir versehentlich eine Sexszene in einen Roman geraten, da habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das Schreiben bereitet. Bis ich es gewagt habe, diese und ähnliche Szenen jemandem zum Lesen zu geben, musste ich ganz schön über meinen Schatten springen. Auch heute geht es mir manchmal noch so, dass ich rot werde, wenn ich meine eigenen Erotikszenen lese. :-)



Levi Frost – »Einmal Unendlichkeit und zurück«

Frage 1 Die Idee, einen interstellaren Zeitreisenden ins Zentrum des Geschehens zu rücken … naja. Ich mag die Vorstellung, dass die Menschheit klammheimlich von Aliens unterwandert wird. Nicht mit kriegerischer Absicht, sondern zu Forschungszwecken. Gibt schließlich einiges hier zu entdecken. Und ich fand die Sicht von „außen“ auf menschlichen Sex einfach spannend. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Sex in unserer Zeit nur noch ins Extreme geht. Extrem verdorben, grenzenlos und kinky, je „schmutziger“ auf dem Weg zum Extrakick, umso besser – und auf der anderen Seite extrem klinisch. Bloß kein Haar zu viel, bloß kein Körpergeruch, bloß keine Flecken auf dem Lacken und keine Geräusche bitteschön, Hauptsache alles ist duftig und glatt und romantisch und hach ja. Zumindest wird einem das durch die Medien suggeriert. Niemand scheint mehr ganz normalen, soliden, verschwitzten, verklebten Sex zu haben, bei dem man hinterher eben genau danach aussieht, klingt und riecht.

Dabei funktioniert Sex doch am besten, wenn man ganz ungezwungen, unverklemmt und ohne künstlich konditionierten Ekel die Dinge so geschehen lässt, wie man sie braucht, wie sie (sprichwörtlich) kommen und sich daran freut. Sich mit vorbehaltloser Neugier auf das einlassen, was der bzw. die Körper so machen und produzieren, es als gegeben und Resultat der gemeinsamen Leidenschaft zu nehmen und zu genießen. Das Stichwort „Spieltrieb“ passt mir hier ganz gut.

Mein Alien findet – so glaube ich – gerade diese Echtheit und den selbstverständlichen Umgang mit sexuellen Bedürfnissen und Resultaten sehr bemerkens- und erstrebenswert. Er hat sicherlich eine Menge Erfahrung, zumindest eine Alternative darf der Leser ja miterleben. Auch das fand ich spannend – zu erfinden, dass es auch noch weit in der Zukunft Sex gibt, bei dem zwei reale Lebewesen real miteinander umgehen. Und dass es auch dann ganz ungewöhnliche Leidenschaften gibt – so wie heute – und dass es darum geht, sich einfach darauf einzulassen.



Frage 2 Ich versuche, in meinen Geschichten in erster Linie der von mir gewollten Aussage gerecht zu werden. Wenn meine Figuren es in diesem Zusammenhang miteinander in die Horizontale treibt, dann ist das so. Und dann schreibe ich auch das auf, was der Leser wissen sollte und was für die Entwicklung der Geschichte von Relevanz ist – gegebenenfalls auch sehr explizit. Daneben findet man bei mir aber auch Texte, in denen erotische Aktivitäten nicht näher ausgeleuchtet oder ganz nüchtern betrachtet werden. Beim „Lied vom Wunder“ ist das beispielsweise so, und auch bei „Von Porridge und Roast“.

Dass der Fokus tatsächlich ausschließlich auf der sexuellen Komponente liegt, war noch nicht so oft Kern meines Schreibens. Also – nicht bei den Sachen, die ich veröffentliche. *grins* Schwierigkeiten, meinen Protagonisten genau zwischen die Beine zu schauen (und nicht nur dahin) und das in Worte zu fassen, hatte ich nicht. Allerdings habe ich auch nicht versucht, irgendetwas besonders hübsch oder gefällig zu formulieren – das hätte den Spaß an der Sache doch sehr gemindert.



Annette Juretzki – »Als Hylios brannte«

Frage 1 Ich habe mir überlegt, welches Bild ich unglaublich erotisch finde. Ganz klar: Schweiß im Kerzenschein – und schon war die Zeile "Als Hylios brannte" im Kopf. Die ringenden Feinde, die selbst nicht wissen, ob sie noch kämpfen, folgten schnell darauf, denn die Idee von Sex als Kampf fand ich auch spannend. Dabei waren mir beide Soldaten so unbekannt wie sie sich selbst und ich habe meine Protagonisten erst während des Schreibens Stück für Stück kennenlernen können.

Ganz lustig ist übrigens, dass ich einen Wüstenplaneten vor Augen hatte (also eher Postapokalypse), meine Testleser aber bei Hylios an eine antike Stadt dachten oder sich in einem Fantasy-Setting wiederfanden. Zwar blieb ich bewusst unkonkret im Text, hätte aber trotzdem nicht gedacht, dass die verschiedenen Stadtbilder so weit auseinander liegen. 



Frage 2 Ich muss zugeben, das war gerade mal die zweite erotische Szene, die ich in meinem Leben geschrieben habe – und bei der ersten war ich 15. Trotzdem habe ich mich, auch als es explizit wurde, nicht unwohl gefühlt: Es ist schließlich bloß Sex, was gibt es gewöhnlicheres? Um ein handwerkliches Gerüst zu haben, an dem ich mich festhalten konnte, blieb ich bei der Dynamik einer Kampfszene, denn da fühle ich mich sicher. Ich tauschte, bildlich gesprochen, nur die Waffen aus. Denn ob Sex oder Kampf, die pure Handlung an sich ist für Außenstehende langweilig. Erst durch das Drumherum wird es spannend. Leider hatte sich dadurch auch mein alte Schwäche gemeldet: Je schneller das Tempo einer Szene, desto langsamer schreibe ich. An besonders frustrierenden Tagen kam gerade mal ein Satz zustande. Eigentlich ein Wunder, dass die Geschichte trotzdem wurde.

Peter Nathschläger - "Manchmal endet es im Wahnsinn"
Frage 1 Rafael Kaminer tauchte erstmals in meinem Roman FLUCHTGEMÄLDE auf und ich fand es schade, dass er im Universum dieses einen Buches bleiben sollte. Er ist eine sehr komplexe Persönlichkeit und oszilliert obszön und auf bezaubernde Weise anrüchig zwischen Sadismus und Masochismus. Die Idee, Rafael als Indikator für die Ängste älterer Schwule zu verwenden, die mit Rafaels Bereitschaft, beim Sex jede gewünschte Rolle zu übernehmen, lag auf der Hand. Rafael steht symbolisch für die nie enden wollende Begierde nach Liebe und Zärtlichkeit, der Sucht nach dem Unmöglichen. Er steht für die Angst, alleine im Alter zu versinken und für die Gefahr, die manche erwachsenen Schwulen jungen, schönen Männern gegenüber empfinden, die Bereitschaft signalisieren, sich mit ihnen einzulassen. 
Weil man selbst als Junger keinerlei Verständnis für die Avancen eines reifen Mannes hatte, versteht man später, wenn man selbst gereift ist, die Vorliebe mancher junger Männer nicht, genau jene reifen Männer zu suchen, die man selbst abgelehnt hätte. Das war die Idee: Rafael ist die Erfüllung aller erotischer Wünsche und gleichzeitig eine Todesfalle, die in ihrem eigenen Schicksal gefangen ist und darunter leidet.

Frage 2 Überhaupt nicht. Ich hätte es ja vielleicht sogar noch exzessiver geschrieben. Allerdings finde ich, dass erzählte Erotik in sich stimmig sein muss und Teil der Geschichte, also sich sozusagen folgerichtig und logisch ergeben muss. Mit aller Banalität oder Größe, mit aller Würde oder Würdelosigkeit, mit all ihrer Pracht und Lächerlichkeit, mit Dominanz und Unterwerfung. Um über Erotik schreiben zu können, muss man über Menschen schreiben können. Man muss auf Betulichkeit und Sitte und Moral verzichten und den Mensch entblößt vor sich sehen mit all seinen Sehnsüchten und Begierden, in all seinem Glanz und Wahn.
Da ich immer mit einem starken Fokus auf die Menschen selbst schreibe, kommt es auch in meinen anderen Texten immer wieder zu erotischen Szenen, die ich genauso gerne schreibe wie alle anderen Szenen. Ich mache da keinen Unterschied.

Nino Delia – »Fremde Betten, fremde Bäder«

Frage 1 Eigentlich fing es an wie so ziemlich alle meine Texte: Ich hatte irgendwann ein schönes Bild im Kopf und habe eine kurze Szene dazu geschrieben, die dann in der Schublade gelandet ist, weil es keinen Plot dazu gab. Ein junger Mann geht mit einem halb Fremden nach Hause, der ihn zwar bereitwillig mitgenommen hat, doch dann sehr abweisend ist. Das war die fertige Szene, mir fehlte immer nur das Warum. Als ich dann die Ausschreibung gelesen habe, fiel mir diese bereits geschriebene Szene wieder ein. Was, wenn der Fremde ein schmutziges Geheimnis hat? Etwas, das er nur sehr selten mit jemandem teilt? Und wieso heißt es eigentlich immer »schmutziges Geheimnis«? Vielleicht kann es auch was mit dem Drang nach Sauberkeit zu tun haben. Also habe ich schlussendlich die beiden ins Badezimmer geschickt.



Frage 2 Das war zwar nicht meine erste erotische Szene, aber ähnlich wie bei einigen anderen Autoren auch, war es für mich das erste Mal, dass ich einen Kurztext geschrieben habe, der sich explizit um diese Szene drehen sollte. Wobei … so explizit bin ich eigentlich gar nicht gewesen. In meinem Text geht es weniger um den für den Protagonisten befremdlichen Sex, sondern mehr darum, wie er die Situation verarbeitet. Darum, was er dabei empfindet und wie es ihn anmacht, dass dieser andere Mann seine kuriosen Phantasien an ihm auslebt.



Thomas Pregel – »In Oberons Reich«

Frage 1 Die Idee zu meiner Geschichte "In Oberons Reich" kam mir indirekt, als ich den Film "Were the world mine" sah, in dem sich eine Schultheaterproduktion an einer ziemlich homophoben amerikanischen Schule verselbstständigt, weil die Magie des Stücks plötzlich in die Realität einbricht und alles zum gleichgeschlechtlichen Singen und Tanzen bringt. Ich mag den freien, leichtfüßigen Umgang der Filmemacher mit dem alten Stoff. Als dann die Ausschreibung für die Anthologie kam, wusste ich auch sofort, wie ich das für mich umsetzen würde, nämlich indem ich die Handlung (oder besser: einen Handlungsstrang) kurzerhand in ein schwules Cruisinggebiet verlegt habe.



Frage 2 Es fällt mir grundsätzlich nicht schwer, explizite Erotik zu schreiben und zu beschreiben. Schon mein Debütroman "Die unsicherste aller Tageszeiten" wartet gleich mit einer ganzen Reihe solcher Szenen auf, die zum Teil ausgesprochen heftig sind. Wenn sie etwas Wesentliches zur Handlung beitragen, indem sie etwa viel über das Verhalten einer Figur aussagen, sind sie genauso wichtig wie jede andere Szene. Man darf nur keine falsche Hemmungen haben, auch vor sich selbst nicht, sonst wird der Stil schnell peinlich und eine solche Szene bestenfalls noch unfreiwillig komisch.


Und da mich immer niemand befragt ;-) beantworte ich auch meine eigenen Fragen ...

J. Walther – „Fünf-Gänge-Menü“ und „Der Traum des Fischers“

Shutterstock/Goodluz
Frage 1 Beim Fünf-Gänge-Menü begann es mit einer kostenlosen Fernsehzeitung, in der hinten Werbung für ein Hotel im Harz war. Das lag im hinteren Ortsteil eines tief im Wald gelegenen Ortes und trotz aller Bemühungen merkte man den Bildern den „DDR-Charme“ des Objektes an. Ich dachte nur: Wer fährt in so was? Ideen entstehen bei mir oft aus so banalen Überlegungen. Und Phillip und Christoph kannte ich ja schon. Ich wollte die Vertrautheit eines Paares nach einer gewissen Zeit des Zusammenseins zeigen.

Beim Traum des Fischers waren es natürlich die in der Ausschreibung erwähnten Tentakel, die mich herausforderten. Ich finde den Gedanken auf einer reinen Fantasie-Ebene nicht abstoßend und musste an das wohl bekannteste Werk zum Thema, den japanischen Holzschnitt „Der Traum der Fischersfrau“ denken. Aus der Frau wurde ein junger Mann und der Rest ist Geschichte.



Frage 2 Ich finde es eine reizvolle Herausforderung, über Sexualität zu schreiben, wobei ich immer wieder das Realistische, Natürliche suche. Was auch weniger aufregenden oder nicht gelingenden Sex einschließt. Standardisierte Abläufe würden mich langweilen, es muss immer zu den Figuren und der Situation passen. Die Abwertung von erotischen Szenen als solche, die ich gelegentlich von Autoren oder Lesern höre, kann ich nur schwer nachvollziehen.

Mit der Anthologiebeteiligung habe ich mich ein bisschen geziert (s. Beitrag), was vor allen daran lag, dass ich eine wesentlich explizit-pornografischere Darstellung für erwünscht hielt. Mit der hätte ich mich dann doch schwer getan. Ich bin kein Fan davon, Geschlechtsorgane in aller anatomischen Deutlichkeit zu benennen, wenn eine Umschreibung möglich ist, die nicht krampfhaft klingt. Keinesfalls möchte ich ins Blumige oder Verklemmte abgleiten. Manchmal ein schmaler Grat, der einige Anstrengung fordert. Für diese Anthologie bin ich ein bisschen deutlicher geworden, aber ich fühle mich immer noch wohl damit, für mich das wichtigste, wenn ich eine erotische Szene schreibe.

Zum Abschluß noch einige erhellende Einblicke von:

Ulrich Hawighorst - Herausgeber

Kannst Du verraten, wie viele Einsendungen es gab? Nach welchen Kriterien hast Du die Texte ausgewählt?

Es waren - diverse Nachreichungen und verspätete Abgaben mit eingerechnet - rund 260 Texte. Und ja, die habe ich alle gelesen. 

Was die Auswahlkriterien betrifft, bin ich einem mehrstufigen Ausschluss-Konzept gefolgt. In erster Instanz habe ich alle Texte abgelehnt, die ganz offensichtlich nicht den Anforderungen der Ausschreibung entsprachen. Also alle die mit heterosexuellem und lesbischen Thema, ebenso wie gewaltverherrlichende Beiträge, solche mit pädophiler Ausrichtung, Texte OHNE sexuelle Komponente oder mit problematisierendem/moralisierenden Tenor. Wir wollten ja ein Buch, das Spaß macht und die erfüllenden, schönen Seiten der Sexualität zeigt - und keines mit Selbstfindungskrisen oder pathologischen Szenarien. 

Im nächsten Schritt habe ich auf die Wichtung geschaut. Sex und Erotik sollten schließlich der zentrale Aspekt sein. Geschichten, in denen es seitenlang um die Anbahnung von menschlicher Zweisamkeit geht, bevor dann irgendwann ganz am Ende halt auch miteinander ins Bett gegangen wird - als krönender Abschluss einer Odyssee quasi - sind an dieser Hürde gescheitert. Ebenso wie jene, in denen die Hauptfigur endlos im theoretischen darüber schwadroniert, ob sie nun schwul ist oder nicht, ohne dass es zur Sache geht.

Danach lag mein Augenmerk darauf, ob ich dem Autor die Geschichte abkaufe. Ob sie ins sich plausibel und glaubwürdig ist, ob die Figuren echt und überzeugend agieren, ob das Erzählte tatsächlich etwas auslöst. Dabei ging es nicht darum, meine persönlichen Vorlieben zu treffen - Objektivität ist einer der wichtigsten Bestandteile meines Jobs. Aber eine gute Story hinterlässt immer irgendwas beim Leser. Vielleicht nur den Wunsch, noch einmal gelesen zu werden. Das Gefühl, sich damit identifizieren zu können. Erotische Spannung, oder schlicht den Eindruck guter Unterhaltung.

Dann ging's eigentlich schon "ans Eingemachte" - an die handwerklichen Fähigkeiten, das Erzähltalent. Ich habe in keinem Stadium Perfektion von den Autoren erwartet, aber doch ein gewisses Engagement. Routiniert runtergeschriebener Sex ohne individuelle Note, ohne den Hauch von Funkenflug nutzte da wenig. Und auch solide beschriebene Klischees bleiben langweilige Allerweltsabbildungen, egal wie hoch das sprachliche Niveau vielleicht ist. An diesem Punkt musste ich oft entscheiden, ob handwerkliche, stilistische Defizite in Rahmen der Zeit per Lektorat zu beheben sein würden, und an dieser Stelle kam dann das letzte Kriterium ins Spiel: die Bereitschaft der Autoren, mit mir an ihrem Text zu arbeiten. Bei den meisten war das der Fall, aber es gab eben auch Bewerber, die weder inhaltlich noch stilistisch auch nur eine Silbe an ihrem Text ändern wollten. Was bedauerlich ist, weil sie sich auf diese Art natürlich den Weg in die Sammlung verstellt haben, trotz guter Voraussetzungen. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass jeder erwachsene Mensch ganz allein entscheiden kann und sollte, was er wirklich will. Wenn ich jemanden auf Logiklücken und sprachliche Schwächen hinweise und meine Unterstützung anbiete, und dann zu Antwort bekomme: "Nein, in meiner Welt hat das so alles seine Richtigkeit und ist perfekt, dann bringe ich es per Selfpublishing raus, meine Fans wissen, was gut ist." - dann streite ich nicht.

Vor der finalen Entscheidung bin ich ein paar Tage in mich gegangen und habe genau überlegt, wie die Texte auf meiner Wunschliste zueinander passen. Wie die Durchmischung in jedweder Hinsicht ist. Und dann habe ich mich den Kollegen vom Verlag mit meiner Auswahl gestellt und an ein paar Stellen energisch gestritten. Mit sehr lesenswertem Ergebnis, wie ich finde.



Gibt es etwas, was Dir an den Einsendungen insgesamt aufgefallen ist – waren viele besonders pornografisch oder verklemmt, gab es Themen oder Motive, die sehr häufig auftauchten?

Aufgefallen sind mir die hohe Quote an weiblichen Autoren und gewisse Ähnlichkeiten in Aufbau/Spielart/Formulierung. Offenbar gibt es Idealvorstellungen von der Anbahnung und vom Ablauf eines schwulen Coitus und den anschließenden Orgasmen, die etliche Leute teilen. *lach* Es gab sehr viele Geschichten, denen anzulesen war, dass es noch ein bisschen an Reife fehlt, an eigenen Erfahrungen und an ordentlicher Recherche. Das merkte man daran, dass an sich gute Schreiber bei den heißen Stellen formulierungstechnisch plötzlich heftig ins Schleudern kamen. Einerseits ist ein einfallsreicher Ausdruck ja lobenswert - aber wir hatten nicht umsonst darum gebeten, eine klare, unblumige Sprache zu nutzen. Ich konnte oft zwischen den Zeilen spüren, dass die Verfasserin sich mit "hübschen", metaphorischen Beschreibungen wohler fühlte, weil gefühlsbetonte Romantik das eigentlich bevorzugte Arbeitsfeld ist. Um das zu umgehen, haben viele versucht, demonstrativ vulgär und vermeintlich "männlich" zu schreiben und dabei dann den Draht zum eigenen Text komplett verloren. In dem Moment, wo ich die Ratlosigkeit des Autors und sein Unbehagen spüre, verliert die Geschichte sofort ihre Souveränität. Phantasie ist wunderbar, und seit Ewigkeiten sind Beschreibungen in der Literatur das Abbild der eigenen, oft unerfüllten Träume. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, dass Frauen über schwulen Sex schreiben - aber es darf nicht unfreiwillig komisch wirken, und man darf nicht schon im ersten Absatz merken, dass die Erfinderin der Geschichte keine Ahnung von Penissen hat, und davon, was man damit macht. 

Daneben habe ich gestaunt, wie viele Bewerber sich um wirklich ausgefallene Szenarien - jaaaa, Tentakel! - und Konstellationen bemüht haben. Da waren schon ein paar sehr schräge Sachen dabei. Aber auch hier spiegelte sich das oben Gesagte: Es genügt nicht, sich ein paar BDSM-Clips im Internet anzuschauen, um dann eine anregende Geschichte über diese Spielart zu schreiben. In meiner Ausbildung gab es eine Grundregel: "Schreib über das, was du kennst. Über Dinge, von denen du wirklich Ahnung hast, wo du auf Erfahrungen zurückgreifen kannst, wo du dich tatsächlich auskennst." Natürlich kann man sich in Zeiten von Wikipedia und youporn eine Menge Wissen aneignen. Aber oft reicht gefährliches google-Halbwissen halt doch nicht aus, man braucht viel Mühe und Fingerspitzengefühl, um es zu kaschieren.



Worauf bist Du besonders stolz, was die fertige Anthologie angeht?

Ich bin in erster Linie stolz darauf, dass das Buch tatsächlich zustande gekommen ist - denn ursprünglich war es ja kaum mehr als eine heitere Idee. Alle Beteiligten haben sehr viel Zeit und Arbeit investiert, und niemand hat es sich leicht gemacht. Von Anfang an hatte ich den Eindruck, dass jeder mit einem sehr hohen Anspruch an die Sache herangegangen ist - was großen Respekt verdient. Ich bin stolz darauf, dass die Autoren mit mir so offen und kooperationsfreudig durchs Lektorat gegangen sind. Weil es nicht selbstverständlich ist, dass man sich - nachdem der eigene Text kräftigst gerupft wurde - wieder aufrappelt, nicht gekränkt ist und weiter daran arbeitet. Ich bin stolz darauf, dass mit höchstem Engagement eine Umschlaggestaltung entwickelt wurde, die außergewöhnlich und wirklich absolut passend ist. Ich bin stolz auf die Zusammenarbeit mit dem Verlag, gerade weil dabei auch Meinungsverschiedenheiten erfolgreich überwunden wurden. Und auch wenn ich bisher noch nicht so viele Rückmeldungen zum Endprodukt bekommen habe, bin ich sehr stolz, dass unsere Sammlung offenbar gut vom Publikum angenommen und gemocht wird. Das war das Ziel.

Wer jetzt Lust auf die Anthologie bekommen hat, kann sie u.a. direkt beim Incubus-Verlag erwerben!

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