Montag, 26. Juni 2017

Autoreninterview Sommeranthologie - Special mit Dima von Seelenburg

Nur zwei Tische sind besetzt in diesem wunderschönen Gartencafé, das Jana für unser Interview ausgewählt hat. Keine Kunst also, sie gleich zu erkennen, trotz ihres ausladenden Sonnenhuts, unter dem sie sich versteckt. Sie hat sich für einen der weiß lackierten, gusseisernen Tische ganz hinten, unter einem schattenspendenden Kirschbaum entschieden. Eine gute Wahl an diesem heißen Sommertag.
Wir begrüßen uns herzlich, denn wir sind uns schon auf einer Buchmesse begegnet.
Ich: „Darf ich vorstellen. Die beiden Jungs kennst du ja.“
Jana steht auf, lächelt und streckt ihre Hand zur Begrüßung aus.
Didier Lefèvre-Sailinger: „Nicht so förmlich Jana, wir machen das auf die französische Art.“ Schon drückt er ihr ein Küsschen auf die Wange. Das erste von drei.
Julian Lefèvre-Sailinger: „Schließlich verdanken wir dir unsere Existenz. Naja, oder sagen wir mal, deiner Ausschreibung.“
Während sich die drei herzen, betrachte ich den Garten. Wie einer aus Janas Geschichten sieht er aus. Das Gras ist nur dort gestutzt, wo die wenigen Tische und Stühle stehen, zur Seite hin wird es immer urwüchsiger und geht am Rande des großen Grundstücks in Schilf über. Das Quaken von Fröschen verrät, dass sich dahinter ein Weiher befindet. Sehen kann man ihn vor lauter Grün nicht.
Jana guckt von einem zum anderen. „Ich freue mich sehr, euch persönlich kennenzulernen. Natürlich hätte ich es mir ausrechnen können, aber jetzt, wo ihr vor mir sitzt, bin ich doch erstaunt, dass wir alle vier mehr oder weniger im gleichen Alter sind. Da drängt sich mir zunächst die Frage auf, Dima, inwieweit ist die Geschichte 'Sommer 96 – Wen kümmert Fußball' denn biografisch?“

Insbesondere Julian sieht mich gespannt an.
Ich: „Gar nicht. Alles was ich mit den Jungs hier teile, ist, dass ich in ungefähr dem gleichen Alter mit meinen Eltern in diesem südfranzösischen Örtchen am Atlantik Urlaub gemacht habe. Ansonsten ist alles rein fiktiv.“
Julian unterbricht mich: „Naja, nicht so ganz, oder?“

Ich: „Okay, natürlich steckt in jedem meiner Protagonisten auch ein Stückchen von mir. Ich denke, Julian fühlt ganz ähnlich, wie ich in dieser Situation wahrscheinlich gefühlt hätte.“
Didier: „Wir sind rein fiktiv, Schatz, hast du das gehört?“ Dabei zieht er den neben ihm sitzenden Julian zu sich heran und drückt ihm einen Kuss aufs Ohr.
Die Besitzerin des Cafés kommt und preist ihren berühmten Eiskaffee an. Wer kann da schon Nein sagen? Wir vier auf jeden Fall nicht. Ohne lange zu überlegen, entscheiden wir uns für einen. Didier bestellt ihn mit extra viel Sahne. 

Jana: „Dann lasst uns mit der ersten Frage beginnen, die ich jedem der Autoren unserer Sommeranthologie stelle: Was verbindest du persönlich mit dem Sommer und was davon hat in deine Geschichte Eingang gefunden?
Ich: „Weißt du, Jana, wenn ich so an meine eigene Jugend zurückdenke, habe ich das Gefühl, in den Sommermonaten viel intensiver gelebt zu haben als in den anderen Jahreszeiten. Dieses Unbeschwerte, die langen Tage, das viele Draußensein … Wenn ich an schönste Momente zurückdenke, haben sie fast alle im Sommer stattgefunden. Vielleicht liegt es daran, dass man weniger zu Hause ist, mehr mit Freunden unternimmt. Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse machen uns aus.
Heute leiste ich mir den Luxus, mir ein etwas größeres Stück vom Sommer abzuschneiden, ich verbringe mehrere Wochen im Jahr auf den Kanaren. Auch wenn ich sonst nicht so der Typ bin, der Klischees mag und lebt, sind es doch die klassischen Dinge, die für mich den perfekten Sommer ausmachen: Strand, Sand und Sonne, in den Tag hineinleben und barfuß laufen. Das dunkle Blau des Meeres, das am Horizont in das hellere des Himmels übergeht. Das goldene Licht, in das die tief stehende Sonne abends die Sanddünen taucht. Rauschen der Wellen, das durch die leise gestellte Musik meines mp3-Players dringt. Und der Duft von Sonnenmilch, aufspritzender Gischt und Garnelen in Knoblauchöl. Sommer findet über alle Sinne statt.“
Didier: „Über alle Sinne, das kann man laut sagen. Die ganze Geschichte über musste ich eingecremt mit diesem billigen Kokos-Sonnenöl aus dem Supermarkt rumlaufen.“

Julian lacht. „Also, ich habe es geliebt, Didi. Ich glaube, ich habe Sommer nie mehr so intensiv gefühlt wie damals hinter dir auf dem Mofa im Fahrtwind, eng an dich geschlungen, mein Gesicht in deinem damals noch längeren Haar vergraben, mit diesem Duft in der Nase.“
Ich nicke. „Genauso habe ich das geplant. Dazu wollte ich eine unbeschwerte, nicht besonders komplizierte Geschichte schreiben über ein erstes Verlieben, ein Sich-Entdecken und eine leichte Sommerromanze. Ich konnte ja nicht ahnen, dass daraus etwas Ernstes wird.“ Mein Blick wandert von einem in sich verschlungenen Ring aus Weiß- und Gelbgold an Julians Ringfinger auf Didiers Hände. Erstaunlicherweise trägt er nicht das Gegenstück dazu.
Wie immer scheint mein Gesichtsausdruck ein offenes Buch zu sein. Wortlos lupft Didier den Kragen seines weit aufgeknöpften Hemdes. Darunter kommt der gleiche Ring zum Vorschein, der neben einer weißen Muschel an einem dünnen Lederhalsband hängt. Das bringt mich zum Schmunzeln. Er ist tatsächlich noch immer dieser Surfertyp.
Jana: „Wie entstand die Idee zu Deiner Geschichte und welche Schwierigkeiten ergaben sich in der Umsetzung?
Ich: „Du hattest ja damals in der Ausschreibung zur Anthologie gesagt, dass man ruhig einmal etwas Neues ausprobieren soll. Ich mag unerwartete Wendungen in Geschichten. Allerdings dürfen sie die Handlung nicht unglaubwürdig machen und müssen in sich logisch erscheinen. So kam mir die Idee, mit dem Leser zu spielen. Meine Absicht war, ihm eine Erzählperspektive vorzugaukeln und diese erst zum Schluss hin aufzulösen, so dass das gesamte Gelesene plötzlich in einem neuen Kontext steht.
Die Schwierigkeit dabei war, dass die Geschichte auch bei einem zweiten Lesen, mit dem Wissen um die Erzählperspektive, immer noch schlüssig sein muss. Dabei galt es zum Beispiel darauf zu achten, dass nichts erklärt oder beschrieben wird, was dem Leser zwar neu, den eigentlichen Adressaten jedoch selbstverständlich ist. Für solch ein Experiment ist eine Kurzgeschichte super geeignet.“

Julian: „Da hast du mich in eine ganz schön unangenehme Situation gebracht, als ich da plötzlich vor meinen ...“
Jana unterbricht ihn. „Psst. Nicht zu viel verraten. Vielleicht hat der ein oder andere Leser dieses Interviews die Geschichte noch gar nicht gelesen.“

Didier grinst. „Damals wäre ich ja zu gerne dabei gewesen.“
Ich: „Apropos, wie geht es Henry und den anderen beiden? Wie heißen sie noch gleich?“
Julian: „Peer und Boris. Das solltest du aber noch wissen, schließlich hast du sie geschrieben. Mann, das waren damals echt die besten Freunde, die ich mir wünschen konnte.“
Jana: „Oh schön, dann habt ihr noch Kontakt?“
Julian: „Gleich nach dem Abi bin ich zum Studium nach Paris gegangen. Weißt du, im Laufe der Jahre verliert man sich leider aus den Augen. Henry ist aber nach wie vor ein guter Freund, er war mein Trauzeuge vor vier Jahren und Didi ist der Patenonkel seiner ältesten Tochter.“

Ich bin ganz gerührt. Wunderbar, was aus den Jungs geworden ist.
Jana: „Also lebt ihr nun in Frankreich?“
Didier: „Nicht nur das. Juju ist mittlerweile sogar Franzose.“
Erstaunt sehe ich Julian an.
Julian: „2013 wurde in Frankreich die 'Ehe für Alle' eingeführt. Darauf wartet ihr in Deutschland ja noch immer. Unglaublich ist das! Naja, auf jeden Fall hat mir das die Entscheidung leicht gemacht. Als eine Art Hommage habe ich meinen deutschen Pass abgegeben und gegen einen französischen getauscht. Lange genug lebte ich bereits in dem Land und ich fühle mich Frankreich sehr verbunden.“ Er schließt kurz die Augen und grinst. „Nicht nur Frankreich natürlich, ganz besonders einem ganz bestimmten, unheimlich attraktiven, französischen Surfer.“
Didier legt einen Arm um ihn. „Mon coeur!“ Er zieht Julian an sich heran und die beiden küssen sich innig.
Jana grinst mich an und saugt geräuschvoll den letzten Rest ihres Eiskaffees durch den Strohhalm.
Ich bin weniger dezent, rolle mit den Augen und flüstere ihr zu: „Das nächste Mal schreibe ich eine Gruselgeschichte!“



(c) Text u. Fotos: Dima von Seelenburg

Kommentare:

  1. Ein wirklich tolle Interview. Danke dafür

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  2. Hu hu Jana,

    selbst dieses Interview liest sich soooooo schön sommerleicht. Die von dir ausgesuchte Umgebung muss wunderbar gewesen sein. Mittendrin die Lady mit dem breitgekrempten Sommerhut. LACH. Also Dank an den Texter.

    Ich bin gerade dabei das Büchlein zu lesen. Doch was ich jetzt schon sagen kann, es sind Geschichten, die sehr vielfältig sind. Die Autoren haben mich bisher, jeweils mit ihrer fesselnden Schreibweise, für ihre Geschichte einfangen können.
    Ich stecke mitten im "Bloody Summer".
    Drei von den Autoren sind mir bekannt. Justin hat mich sehr zum Lachen gebracht und Jana hat für mich in ihrer Geschichte einen geheimnisvollen Spannungsbogen, voll mit wunderbaren Naturbeschreibungen, geschlagen. Nun, dann "kenne" ich noch Paul Senftenberg, bin gespannt. Doch eine Entäuschung wird es nicht werden. Denn seine Geschichten sind immer anspruchsvoll, die er mit virtuosen Sätzen erzählt. LG Uta

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