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Mittwoch, 9. August 2017

Rezension zu Opiumschwaden von Raik Thorstad

Mit ihrem neuesten Roman "Opiumschwaden - Der Mörder von St. Audrey" wendet sich die vielseitige Raik Thorstad einem neuen Genre zu - einem historischen Krimi mit Schauerelementen, verbunden mit einer Liebesgeschichte und auch einem Coming out. Klingt verrückt? Funktioniert aber.
Obendrein ist das ganze in die Form eines Briefes oder Buches, an den besten Freund gerichtet, gekleidet, aber auch das gelingt und macht die Erzählung nicht schwerfällig. Gelegentliche philosophische Einschübe hemmen etwas das Tempo, sind aber kurz und passen zu der Erzählform. Die Sprache bleibt dabei überwiegend stimmig in der Zeit des 19. Jahrhunderts. Wie detailliert man in dieser Zeit selbst einem engen Freund sexuelle Details geschrieben hätte, sei dahingestellt, reißt aber nicht aus der erzählerischen Illusion.

Besonders die Figur des Kobold wirkt sehr interessant, lebendig und changiert zwischen verschiedenen Seiten. Aber auch der Protagonist Benjamin kann mit seinem ehrlichen, bodenständigen Charakter Sympathie gewinnen. Ihre Liebesgeschichte kommt überzeugend und spannend daher. Gegen Ende wird dann leider ein großer Zeitraum mit viel Entwicklung nur kurz zusammengefasst, was sicher für den Spannungsbogen nötig ist, aber doch schade und diesen Teil ein wenig unbefriedigend enden lässt. Gerade die Figur Kobold bleibt hier etwas blass und nimmt für mein Empfinden keine ihrer Persönlichkeit angemessene Entwicklung mehr. Dies betrifft jedoch nur das letzte Kapitel und kann auch den Gesamteindruck nicht verderben.


Ein Hingucker ist natürlich das stimmungsvolle und sehr passende, von Cassandra Kramer gestaltete Cover, das noch vom Incubusverlag, in dem der Roman ursprünglich erscheinen sollte, übernommen ist. Schön hätte ich es gefunden, wenn auch in die Gestaltung des Buchsatzes noch ein paar Elemente alter Buchgestaltung eingeflossen wäre, z.B. eine schöne Gestaltung der Kapitelanfänge. Vielleicht wird dies ja in der Printausgabe umgesetzt.

Die Geschichte weiß ebenso mit Spannung mitzureißen, wie mit einer bildlichen, stimmungsvollen Athmosphäre und lebendigen Figuren. In jedem Fall ein gelungener, sehr lesenswerter und ungewöhnlicher Roman, mit dem Raik Thorstad erneut ihr schreiberisches Können zeigt.
 
Interview mit Raik Thorstad von 2016
Autorenblog

Cursed Verlag 2017
398 Seiten, eBook 7,49 €, Taschenbuch 10,95 €

Samstag, 4. Juni 2016

Interview mit Raik Thorstad

Ich freue mich sehr, ein ausführliches Interview mit dem wunderbaren Raik Thorstad präsentieren zu dürfen. Anders als es sicher bei vielen anderen Lesern der Fall war, begegnete mir Raiks Werk als erstes in Form einer Kurzgeschichte ("Finito"), warf mich um und ließ mich nicht mehr los. Drei Messetreffen und gemeinsame Anthologieveröffentlichungen später (*stolz*), durfte ich nun meine neugierigen Fragen loslassen.

Raik wurde 1980 in Osnabrück geboren und lebt heute mit Hunden und Mann in Emmerich am Rhein.
Nach Veröffentlichungen auf der Plattform Fanfiktion erschien 2011 der erste Roman Leben im Käfig. Es folgten Zenjanischer Lotus (Incubus Verlag 2012) sowie Nach der Hölle links 2013 in selben Verlag. Weitere Romane: Zerrspiegel (Cursed Verlag 2014), 3517 Anno Domini - Wir waren Götter (Incubus Verlag 2014) sowie Kurzgeschichten ind diversen Anthologien.


Wie hast Du damals den Schritt von der Veröffentlichung auf einem Online-Portal hin zur ersten
Verlagsveröffentlichung empfunden?
Als sehr merkwürdigen Vorgang. Beim ersten Verlagskontakt war ich nicht nur vollkommen von den Socken, sondern auch sehr von dem Gedanken gesteuert, dass dies meine einzige Chance sein würde, mein Buch – Leben im Käfig – zu veröffentlichen. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, irgendwann in einen Copyshop zu marschieren und mir selbst ein gebundenes Exemplar zuzulegen. Nur, um es mal gedruckt zu sehen. Daher war der Gedanke, dass ernsthaft ein Verlag an mir Interesse haben sollte, sehr abwegig und irgendwie „zu groß“ für mich. Und natürlich war es auch eine Umstellung, als ich auf einmal für den Cursed Verlag „alleine“ – das heißt, ohne die Unterstützung der Leser auf dem Online-Portal – schreiben musste.

Dass der „FWZ-Verlag“ seine AutorInnen enttäuscht hat, ist ja kein Geheimnis – was war für Dich persönlich das Schlimmste daran?
Aus damaliger Sicht war das Schlimmste sicherlich, irgendwann die Augen zu öffnen und festzustellen, dass selbst die rudimentärsten Verlagspflichten nicht erfüllt wurden und dadurch mein Buch arg gelitten hat. Aber ich kann das nicht allein dem Verlag anlasten. Ich bin da ja auch blauäugig reingelatscht, nech? Aus heutiger Sicht empfinde ich den Schaden, den FWZ im Genre angerichtet hat, als schlimmer. Das Vertrauensverhältnis zwischen Autoren und Verlag wurde schon arg erschüttert.

Wie hast Du das literarische Schreiben gelernt?
Habe ich das denn überhaupt? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ich glaube persönlich, dass man Schreiben meiner Ansicht nach in erster Linie durch Praxis, Rückmeldung und durch zeitlichen Abstand zu den eigenen Arbeiten lernt. Sicher auch dadurch, selbst viel zu lesen. Darüber hinaus bin ich ein Stück weit überfragt, weil ich den Prozess des Lernens bei mir nicht als abgeschlossen betrachte. Und ich weiß auch gar nicht, ob man ihn tatsächlich abschließen KANN.

Okay, wie hast Du also angefangen - was war die erste Geschichte überhaupt, die Du fertiggeschrieben hast?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Das erste größere Projekt müsste tatsächlich eine Fanfiction gewesen sein. Alle Langzeitprojekte, die vorher begonnen wurden, habe ich entweder irgendwann frustriert in den Mülleimer befördert oder liegen noch unvollendet auf meiner Festplatte.
Es gibt allerdings eine Menge frühe Kurzgeschichten von mir, irgendetwas von einem Wattwurm namens Tom und ein Märchen um Mont St. Michel. Das sind quasi Frühwerke, die bis heute eifersüchtig von meiner Mutter gehütet werden. *g*

Welche Bücher/Autoren haben Dich beeinflusst?
Als Stichpunkte fallen mir spontan Lynn Flewelling und die Autoren der frühen DSA-Romane ein. Denn die haben schon in den frühen Neunzigern LGBT-Charaktere mit größter Selbstverständlichkeit in ihre Fantasy-Romane eingeflochten. Als Teil von Projekten, die gar nicht auf Homosexualität fokussieren, aber sie eben doch „in sich“ tragen und daraus etwas ganz Entspanntes machen.
Um den Rahmen nicht zu sprengen, werfe ich dann noch einfach ein paar Namen in den Raum: Terry Pratchett, Susan E. Hinton, Walter Moers, Michael Ende, Rebecca Gablé, H.P. Lovecraft, Tad Williams, J. R. R. Tolkien, Anne Rice, Larry Ebmeier, Jane Yolen, Madeleine L’Engle, Scott O‘ Dell …
Puh, es ufert aus, je länger ich zum Bücherregal schaue.
Sagen wir: Es haben viele Bücher Spuren hinterlassen, und damit auch ebenso viele Autoren. Es beginnt irgendwo bei meinen geliebten Kinderbüchern und endet bei Neuentdeckungen. Ich bin ein Vielfraß.

Du schreibst ebenso prägnante Kurzgeschichten wie sehr umfangreiche Romane. Wo liegen für Dich darin Vor- und Nachteile?
Der Vorteil beim Roman ist für mich ganz klar die umfangreiche Weltenschaffung. Ich versuche, einen Sog entstehen zu lassen, der den Leser mit in die Welt nimmt, in der ich mich gerade bewege. Das ist etwas, was ich beim Lesen selbst sehr liebe und entsprechend versuche ich es auch in meine eigenen Bücher einzubauen. Man bindet sich langfristig an Charaktere und/oder ein Universum und kann sich darin ein Stück weit Zuhause fühlen. Das hat allerdings den Nachteil, dass ich selbst oft innerlich an Grenzen des emotional Zumutbaren stoße. Für mich und auch für die Leser.
Das ist bei Kurzgeschichten wieder ganz anders. Ich finde, gerade Schmerz oder Grausames lässt sich unglaublich gut in kürzeren Geschichten transportieren. Außerdem lässt sich mit Kurzgeschichten für mich weit besser experimentieren. Neue Sichtweisen, ein anderer Stil, ein anderer Ansatz. Häufig auch einfach eine Botschaft, die auf 10 Seiten deutlicher hervortritt, als wenn sie in 800 Seiten versteckt wäre.
Der Nachteil der Kurzgeschichten ist dann aber auch wieder der Vorteil der Romane: Man kann nicht in dem Leseuniversum verweilen, sondern wird wieder herausgeschleudert, bevor man sich dort heimisch fühlen kann – was wiederum bei vielen Kurzgeschichten auch besser so ist. Gerade, wenn es unter die Haut geht.

Sehr interessant. Du bewegst Dich in der Fantasy ebenso wie in Gegenwartsgeschichten und anderen Genres. Wo siehst Du trotzdem Verbindendes und bevorzugst Du ein Genre?
Da muss ich das Pferd von hinten aufzäumen: Erst einmal ist es so, dass ich so gut wie alle Genres selbst lese. Für mich gibt es daher nicht so etwas wie ein „Lieblingsgenre“. Weder als Autor noch als Leser. Es gibt sicher Phasen, in denen ich erst viel Fantasy lese/schreibe und dann auf einmal wochenlang Historien-Schlagseite bekomme. Aber ich bevorzuge nichts. Das wäre für mich, als würde ich täglich ins Restaurant wandern und jedes Mal Schnitzel bestellen, obwohl ich auch Sushi, Pasta oder Grünkohl haben könnte.
Verbindend ist für mich immer die Liebe zur Geschichte an sich. Ich muss sie in mir haben, sie vor mir sehen, und da ist es nicht wichtig, ob ich mich in Hamburg bewege oder in einer Fantasy-Welt. Sie muss für mich real sein – und das ist sie während des Schreibens auch.

Schön gesagt. Und wie recherchierst Du? Wie unterscheiden sich da Historie, Fantasy, Gegenwart und Science Fiction?
Da gibt es sehr große Unterschiede. Alle meine bisherigen Gegenwartsromane hatten den Vorteil, dass sie sich aus einem bereits vorhandenen Wissenspool bedienen konnten. Ich habe mich da also nicht hingesetzt und überlegt, was ein interessantes Thema sein könnte und mir anschließend Wissen herangeschafft, sondern habe auf das aufgebaut, was ich früher schon gelernt oder selbst erlebt habe.
Ähnlich ist es bei meinem antiken Langzeit-Projekt. Da schreibe ich auch über eine Zeit, über die ich vorher schon viel Fachwissen gehortet hatte. Allerdings kommen hier zwei Besonderheiten hinzu: widersprüchliche historische Quellen und in einem Fall vollständig fehlende Quellen. Das macht die tiefere Recherche zu einer ziemlich chaotischen Angelegenheit, die mich schon einige Haarbüschel, viel Zeit und etlichen Touren zu verschiedensten Ausgrabungen und Museen gekostet hat.
Allgemein ist es natürlich so, dass Recherche zu historischen Themen immer schwieriger wird, je weiter sie zurückgehen. Das Alte Rom ist nun sehr gut protokolliert, die alten Germanen aber so gar nicht. Da ist es schon sehr viel leichter, im England von 1832 herumzustöbern.
Die Recherche in Sachen Fantasy ist eine eher eigenartige Sache, muss ich sagen. Denn im Grunde muss ich die Hintergrundwelt, über die ich schreiben will, ja erst einmal selbst aufbauen. Ich kann keine Karten aus der Bibliothek holen und auch keine Mails an Freunde mit Fachwissen schicken. Ich muss praktisch mit Pinsel und Vermessungsgerät losziehen und meine eigene Welt ausgraben.
Ganz allgemein kann ich sagen: Ich suche mir immer Themen, die mich selbst interessieren, und versumpfe dann praktisch in der Recherche. Museen, Englandbesuche, Gebäudebegehungen, Nachfragen bei Universitäten, die Suche nach Fachbüchern – gern auch sehr alten - und Karten, Dokumentationen, soweit es sie gibt, und natürlich immer wieder meine armen Mitmenschen, die ich aus diesem oder jenem Grund löchere.

Beeindruckend, ich bin einfach zu faul für historische Stoffe :-) Was war am schwierigsten herauszufinden? Sind Dir schon Schnitzer bei der Recherche unterlaufen?
Wie oben schon erwähnt: Die sogenannten Germanen machen einem wirklich das Leben schwer. Es gibt von ihnen keinerlei Quellen aus erster Hand. Alle schriftlichen Zeugnisse stammen von anderen und sind in weiten Teilen entweder von oben herab verfasst oder schlicht Propagandamaterial. Es gibt da ein schönes Zitat aus einem Buch über die Germanen, das besagt, dass wir nicht einmal genau wissen, wer die Germanen eigentlich waren, geschweige denn, dass wir in der Lage wären zu erkennen, was genau jetzt germanisch ist oder nicht. Das trifft die Sache ziemlich gut.
Was die Schnitzer angeht, muss man wahrscheinlich meine Leser fragen. *g* Aber ich habe schon einmal das Kolosseum um 70 Jahre nach vorn verpflanzt – das war mir ja sowas von peinlich … - und den Römern Asterix-like rote Umhänge verpasst. Gott sei Dank habe ich eine fähige Archäologin im Freundeskreis, die mich darauf hingewiesen hat, dass die Römer um Null zwar Purpur wasserfest färben konnten, aber noch nicht das klassische Rot, wie wir es heute oft in Filmen sehen. Rot ist ihnen beim ersten Regen aus dem Stoff gelaufen, und SO pink sollte der Roman dann wirklich nicht werden. ;)

Woher nimmst Du Deine Ideen – gerade für Nicht-Gegenwarts-Stoffe?
Sie springen mich an, fürchte ich. Meistens beginnt es mit einer einzelnen Fragestellung. „Was wäre, wenn wir es wirklich schaffen, unsere Erde so zu versauen, dass nur noch Leben auf dem Meer möglich ist?“ „Was wäre, wenn die aktuelle Entwicklung weitergeht und die Schneise zwischen den Reichen, die Zugang zur Technologie haben, und den Armen noch weiter aufreißt?“ „Wieso erzählt eigentlich niemand die Geschichten der Fantasy-Charaktere, die im Computerspiel und im Film als erstes über die Klinge springen?“ „Wie war es wohl nach dem Tod von Edward II. als schwuler Mann in England zu leben?“ „Wie sind Menschen im 19. Jahrhundert mit Problemstellung XY umgegangen?“
Danach entstehen Anfang und Ende, als nächstes Gesichter und Wesensarten. Dann kommt das „Ich muss doch mal nachschauen, ob …“-Gefühl in mir auf und der Rest ist dann im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte.

Wird „Opiumschwaden“ Deine nächste Veröffentlichung sein? Was kannst Du schon darüber verraten?
Ja, „Opiumschwaden“ ist schon beim Lektor auf dem Schreibtisch.
Die Geschichte spielt in England um 1843 bzw. wird die Geschichte um diese Zeit erzählt. Wir haben es mit einem Ich-Erzähler zu tun, der von Ereignissen berichtet, die 11 Jahre vorher stattgefunden haben und aus Gründen, die ich hier noch nicht verraten will, zur Flucht aus seiner Heimat geführt haben. An der Stelle merkt man sicher, dass ich zuletzt viel mit alten Gruselgeschichten zu tun hatte – die berühmte Geschichte in der Geschichte. ;)
Der Name des Erzählers, der fein säuberlich alles aufschreibt, ist Benjamin Underwood. Er ist ein Rechtanwaltsgehilfe in London und wird von seinem Arbeitgeber auf eine Reise nach Plymouth geschickt. Auf dem Rückweg erleidet die Kutsche in Dartmoor einen Achsenbruch, sodass Benjamin und der Kutscher dort stranden. Hilfe finden sie in einem winzigen Dorf, in dem man sie aufpäppelt. Nicht ganz uneigennützig, wie sich herausstellt, denn der Dorfvorsteher bittet Benjamin gleich am nächsten Tag um Hilfe: Auf einer Lichtung hinter dem Dorf liegt ein Toter, und die Hilfe aus Exeter, nach der man geschickt hat, noch weit. Die Angst geht in St. Audrey um, und Benjamin hat nicht das Herz, die Leute im Stich zu lassen. Bei seinen Ermittlungen trifft er auf einen jungen Einsiedler, der einige Komplikationen auslöst und nicht zuletzt Benjamin in Schwierigkeiten bringt. Denn zuhause wartet seine schwangere Ehefrau auf ihn, die sicher gar nicht begeistert wäre, wenn sie wüsste, wie sehr Ben sich zu dem „Verrückten vom See“ hingezogen fühlt …
Alles in allem: Wir haben Historie, wir haben einen Krimi, wir haben ein düsteres Moor, wir haben einen Mörder, wir haben einen innerlich zerrissenen Mann und wir haben einen Einsiedler, der nicht ganz bei Verstand ist, aber von dem sich doch viel lernen lässt.
Den Rest müssten die Leser schon selbst rausfinden. ;)

Das klingt sehr, sehr spannend! Auf was aus Deiner Feder dürfen wir uns in Zukunft noch freuen?
Ich habe eine Menge in der Planung. Fest steht neben „Opiumschwaden“, dass ein neuer Roman von mir beim Cursed Verlag erscheinen wird. Über den darf ich aber noch nicht so viel erzählen. Nur, dass es tatsächlich ein Gestaltwandler-Roman wird. (Ich kann’s selbst fast nicht fassen. *lach*)
Dann kommt früher oder später „Das Würfelspiel der Götter“. Da habe ich jetzt schon ein bisschen Angst vor. Ich habe mich nämlich noch nicht getraut, auf die Wortzahlen zu schauen und wir sind jetzt schon bei 80 Kapiteln. Und natürlich der zweite und dritte Band der Sunda-Trilogie, „Zenjanisches Feuer“ und „Zenjanische Asche“.
Das sind die nächsten vier, die ich theoretisch auf der Uhr habe. Wie es am Ende wirklich kommt, ist eine ganz andere Sache. Wie oben schon erwähnt, gerate ich beim Schreiben in „Phasen“. Kann daher also passieren, dass mich ein Contemporary-Roman anspringt, der unbedingt vorher geschrieben werden will. Oder ein Kochbuch. Wer weiß es schon? ;)

Es wird in jedem Falle eine besondere „Thorstad-Geschichte“ sein. Außer das Kochbuch vielleicht … Vielen Dank für das interessante Interview!

Mittwoch, 12. August 2015

Autoreninterview "Zusammen finden" - Teil 2

Hier nun der 2. Teil der Interviews mit den AutorInnen der Benefiz-Anthologie - näheres zum Buch hier!


S.B. Sasori – Rabendieb

Du hast Dich bereits für Wölfe eingesetzt, nun geht es um einen gefangenen Raben. Was bewegt Dich an dem Thema?

Bei den Wölfen und bei Jakob handelt es sich um Themen, die vor meiner Haustür warten.

Die Wölfe ziehen praktisch wenige Kilometer an unserem Wohnort vorbei und sorgen sowohl bei Jägern als auch bei den vielen Schafzüchtern für heiße Diskussionen. Schon deshalb war es mir ein Bedürfnis, eine Lanze für sie zu brechen. Der Erlös der Anthologie, an der viele Kollegen mitgeschrieben haben, geht an NABU "Willkommen Wolf".

Meine jüngste Tochter hatte bereits das Glück, vier Wolfswelpen auf dem Heimweg von einer Feier aus nächster Nähe zu sehen. Ihre Augen leuchten immer noch, wenn sie davon erzählt.

Und Jakob ... ja den gibt es wirklich. Er lebt im Tierpark hier im Ort.

Seit er ein Jungvogel ist, ist er eingesperrt. Mittlerweile ist er so alt, dass er wirklich kaum noch auf die oberste Stange flattern kann. Sein Leben lang ist er nie richtig geflogen.

Meine mittlere Tochter war schon oft kurz davor, ihn einfach freizulassen und ich hatte Mühe ihr klarzumachen, dass das "kriminell" ist. Dabei hätte ich dieses verdammte Vorhängeschloss liebend gern selbst aufgebrochen.

Um ihm die Zeit zu vertreiben besuchen wir ihn oft und reden ein bisschen mit ihm. Seinen Namen kann er absolut verständlich formulieren. Ist ein krasser Vogel.

Lasse ich ihn ein paar Tage allein, dreht er mir schmollend den Rücken zu und ich muss ihn mit Hundeleckerli bestechen.

Er hat schon längst eine eigene Geschichte verdient und die hat er nun bekommen. Zumindest dort wird er befreit.


Raik Thorstad - Das steinerne Bild

Was hat Dich zu dieser Geschichte inspiriert?

Menschliche Wahrnehmung ist für mich ein total spannendes Thema, über das man viel öfter stolpert, als man bewusst - haha - wahrnimmt. Ich schätze, kaum jemand von uns kann sich davon freimachen, dass er irgendetwas an sich anders bewertet als andere. Einige überschätzen sich vielleicht, aber ich glaube, Unterschätzung ist viel häufiger. Wie viele Mädchen wollen nicht tanzen, weil sie sich zu kurvig finden? Wie viele Männer finden sich zu klein? Wie viele Leute sind davon überzeugt, dass sie zu dick/zu dumm/zu hässlich bis hin zu nutzlos sind? Beim Steinernen Bild habe ich mich gefragt, wie es sich wohl auf eine Liebe auswirkt, wenn eine der Parteien (oder noch schlimmer beide) sich selbst nicht richtig sehen kann und immer nur vom Schlimmsten ausgeht.


Juliane Seidel – Zwillingsmond

Was hat Dich an der von Dir erschaffenen Fantasywelt besonders fasziniert? Ist sie Teil eines größeren »Zusammenhangs«?
Eine schwierige Frage, zu der ich etwas weiter ausholen muss. Um ehrlich zu sein habe ich die Fantasywelt Adaan nicht für die Kurzgeschichte entwickelt, sondern (gemeinsam mit Tanja) schon viel früher: für meine Kinderbuchreihe "Assjah". Darin ist Adaan eine von vier Welten, die sich der Hauptcharakter Kim ausgedacht hat und in seinen Träumen bereist. Daher kommen in "Zwillingsmond" auch Figuren vor, die in "Assjah" eine wichtige Rolle spielen: Annatar und Shamalla. Da ich Adaan sehr gerne mag und die Welt am meisten ausgearbeitet ist, habe ich mich entschieden "Zwillingsmond" dort spielen zu lassen. Meine Geschichtsidee hat einfach wunderbar hinein gepasst, da Magie in Adaan eine große Rolle Spielt. Leider konnte ich von der Welt nur wenig offenbaren, einfach weil mir der Platz für längere Erklärungen fehlte. Daher kommen viele Dinge, die mich an Adaan faszinieren gar nicht zur Sprache: die Welt unter der Oberfläche - eine Art Unterwelt, die ganz Adaan unterhöhlt und in der unterschiedliche Kreaturen leben. Auch die unterschiedlichen Länder und Lebewesen, die Adaan bevölkern, kommen nur am Rande vor. Es gibt da viel mehr - sogar eine Landkarte, auf der man einen Teil der Handlungsorte aus "Zwillingsmond" wiederfinden kann:


Damit beantwortet sich auch gleich die 2. Frage - sie ist in der Tat Teil eines größeren "Zusammenhangs": in erster Linie ist die Welt für meine Kinderbuchreihe "Assjah" entstanden. Allerdings plane ich durchaus die Geschichte um Nazar und Kiama auszubauen, da es eine Menge Spaß macht die Abenteuer der Beiden zu erzählen und ich nur einen Bruchteil meiner Träume aufgeschrieben habe - die zwei Magiern, die nur zusammen zaubern können, haben mich nämlich vor einer Weile in mehreren Nächten heimgesucht. Sprich irgendwann wird es mehr zu ihnen geben. Dann kann ich auch mehr von Adaan zeigen, insbesondere die Orte und Geschöpfe, die mich am meisten faszinieren.




Paul Senftenberg - Liebe ohne Namen

Das Essay entstand für ein geplantes Buch. Über welche Filme wirst Du darin noch schreiben?

Wer meine bisherigen Bücher kennt, weiß, dass darin immer wieder Bezüge zu Filmen und zum Kino vorkommen; am augenscheinlichsten ist dies der Klassiker Frankenstein, der in dem Roman Eine ganz andere Liebe eine nicht unwichtige Rolle spielt.

Seit meiner Jugend bin ich ein großer Filmfan, vor ungefähr drei Jahren habe ich damit begonnen, über die schönsten, bewegendsten, auch die erschreckendsten, einfach die stärksten Szenen aus schwulen Filmen zu schreiben – anfangs nur für mich selbst; die Idee, dass daraus eines Tages ein Buch werden könnte, ist erst mit der Zeit gereift. Meine Sammlung ist keine Bestenliste, ich habe eine ganz subjektive Auswahl von über achtzig Gänsehautmomenten getroffen. Allseits bekannte Filme wie Brokeback Mountain, Milk und A Single Man kommen darin vor, ich bin aber auch auf eher unbekannte Perlen wie El Mar, Animals und Contracorriente gestoßen; auch einige Fernsehserien wie Brothers and Sisters, Spartacus und Queer as Folk sind darunter.

In meinen Essays mache ich diese wunderbaren Augenblicke des schwulen Films für die Leser wieder erlebbar, sie stellen eine Hommage, eine Liebeserklärung dar. Und ausgehend davon schreibe ich das eine Mal über filmhistorische Aspekte oder bestimmte Schauspieler oder Regisseure, ein anderes Mal über psychologische oder philosophische Überlegungen oder stelle literarische Bezüge her. Unter dem Titel Gay Movie Moments wird die Sammlung im kommenden Jahr im Verlag Homo Littera herauskommen – nicht zuletzt aufgrund der vielen Fotos, für die die Rechte eingeholt werden mussten, auch für den Verlag ein extrem aufwendiges Unterfangen.




Karolina Peli - Von Liebe, Anhänglichkeiten und Fluchten

Wie kam Dir die Idee zu Deiner Geschichte?

Ein Stück weit, wahre Begebenheit. Ich habe einen Bekannten, der sich trennte. Aber nicht damit zurechtkam. Er klammerte sich fest. Rundum im Freundeskreis. Jeder kam mal eine Weile dran. Im Endeffekt merkte er, was er da tat.


Moritz Berg und J. Walther - Nie vergessen

Lieber Moritz, Du warst noch nie in Italien. Wie ist es Dir gelungen, Dich in den Handlungsort hineinzuversetzen?

Ich liebe es zu reisen, es kann eigentlich gar nicht weit genug weg sein. Dabei kamen aber so einige Ecken von Europa bis jetzt viel zu kurz. Gerade Italien, das eigentlich nur wenige Stunden mit dem Auto entfernt ist, hatte ich bei der Urlaubsplanung völlig unbeachtet gelassen. Vor ca. einem Jahr entstand zum ersten Mal der Gedanke Italien zu besuchen, aber noch immer stand es auf der Wunschliste weit unten.
Als die Idee zusammen mit Jana etwas zu schreiben aufkam, stand schnell fest, dass es in Italien spielen sollte. Ich beschäftigte mich mehr mit dem Land, schaute viele Bilder an, besuchte den Ort virtuell. Dabei tauche ich in die Bilder ein und versuche dem Leser genau die Gefühle zu vermitteln, die ich dabei habe, egal, ob ich den Ort persönlich schon besucht habe oder nur in der Vorstellung. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist.




Chris P. Rolls - Die Anmut von Gras

Du überraschst hier mit einem anderen Stil und Deiner vermutlich kürzesten Geschichte bisher. Wie kommt es? War das Schreiben dieses Texte anders als sonst?

Ich habe mich in letzter Zeit öfter an etwas kürzeren Sachen probiert, auch wenn die mir nicht so recht liegen. Aber es macht Spaß, möglichst viel wegzulassen, nur das Wichtigste anzudeuten und den Rest dem Leser zu überlassen. Dadurch bastelt man aber etwas mehr an dem Text herum, denn alle kleinen Puzzleteilchen müssen ja am rechten Fleck sein, um entdeckt werden zu können. Insofern war es anders, weil ich den Text ein paar Mal durchgehen musste, ob ich alle Hinweise auch drin hatte. Auf jeden Fall ein interessantes Experiment.



Ich bedanke mich bei allen AutorInnen für die Antworten. Ein besonderer Dank für die Unterstützung des Projektes geht auch an die Verlage Incubus, dead soft und insbesondere Cursed für den Buchsatz!
Das Taschenbuch ist nun auch erschienen!